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Straelen
"Nathan"-Film flexibel untermalt

Straelen. Straelens Kantor Otto M. Krämer mit dramatischen Orgelimprovisationen.

Im Altarraum der Pfarrkirche St. Peter und Paul begrüßte Kantor und Organist Otto M. Krämer die Zuhörer im zur Hälfte besetzten Mittelschiff zu einer besonderen Veranstaltung: musikalisch-illustrative Begleitung eines Stummfilms am mobilen Orgel-Spieltisch. Bevor der Film "Nathan der Weise" auf Großleinwand startete, gab Krämer einige Erläuterungen: Die deutsche Literaturverfilmung aus dem Jahr 1922 in sechs Akten von Manfred Noa ist die einzige Kinoproduktion als Stummfilm von Gotthold Ephraim Lessing. Der Film erlebte nach 1933 keine Aufführung mehr und galt lange Zeit als verschollen. In Moskau wurde 1996 eine vollständige Schwarzweißkopie des Films entdeckt, die dort unter dem Titel "Die Erstürmung Jerusalems" gelagert war. Mit korrigiertem Haupttitel und Akttiteln wurde der Film neu veröffentlicht und kam in Straelen zur Aufführung.

Ohne etwas vorweg zu nehmen, erklärte Otto M. Krämer die Quintessenz des Films: Die drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam müssen nebeneinander existieren. "Wir sind mit diesem Film ganz aktuell am Thema. Der Grundgedanke ist die Achtung vor den Menschen." Der Film gilt als Plädoyer für das friedliche Miteinander der Religionen und Völker. Bei der Wiederentdeckung wurde festgestellt: "Der bildgewaltige, eindrucksvoll inszenierte und faszinierend gespielte Ausstattungsfilm, dessen Titelcharakter durch seine Weitsicht die verschiedenen Glaubensrichtungen zum versöhnlichen Einlenken bringt, ist das Musterbeispiel eines politisch mutwillig missverstandenen Werks." Es wird die Frage nach der "wahren" Religion aufgegriffen und verbindet sie mit dem Toleranzgedanken der Aufklärung.

Ganz in der Tradition der Stummfilmzeit legte Krämer als stilsicherer, kompetenter Interpret das knapp 90-minütige Werk mit improvisierten Untermalungen aus. Sein ebenso differenziertes wie technisch makelloses Spiel ließ die kontrapunktisch dicht gewobenen Strukturen optimal und durchsichtig zur Geltung kommen. Den sakralen Szenen gab Krämer Natürlichkeit in der Registrierung. Er reagierte auf Dramatik mit dynamischer Flexibilität und differenzierter Auslegung der Klangbilder. Er begleitete den Film mit versierter Phrasierung und gleichwohl schlichter Klarheit. Mal setzte er trockene Akkorde in einen leer wirkenden Raum, mal schwelgte er in wunderbar melodiösen Themen.

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