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Interview mit Barbara Münnich
"Niveau an Gymnasien ist abgesunken"

Interview mit Barbara Münnich: "Niveau an Gymnasien ist abgesunken"
Barbara Münnich mit Abituraufgaben und einem Lehrbuch für Mathematik. Sie bemängelt, dass die Leistungsanforderungen immer geringer werden. FOTO: gerhard Seybert
Geldern. Die gestiegene Zahl der Einser-Abiturienten ist für die Mathematiklehrerin im Ruhestand kein Grund zum Jubeln. Die Geldernerin beklagt die schlechtere Qualität der Schüler. Einen Grund dafür sieht sie im Anspruchsdenken der Eltern.

Die Abiturnoten werden immer besser. Etwa jeder vierte Abiturient in NRW schafft inzwischen eine 1 vor dem Komma, 2006 waren es erst 15 Prozent. Die in der RP dafür angeführten Gründe - Leistungsexplosion, bessere Vorbereitung, wohlwollendere Benotung - erregen bei Barbara Münnich Widerspruch.

Nach 38 Jahren im Schuldienst müssten Sie über die wachsende Zahl von Einser-Abiturienten doch froh sein.

Münnich Leider treffen die in der RP genannten Gründe insgesamt nur zu fünf Prozent zu. Der eigentliche Grund aber ist, dass das Niveau an den Gymnasien abgesunken ist. Man macht es den Schülern immer leichter, eliminiert anspruchsvolle Themen.

Wie kommen Sie darauf?

Münnich Als ich als Mathematiklehrerin anfing, gab es zum Beispiel noch Zahlenfolgen und vollständige Induktion. Die Grenzwertsätze waren einst die "heilige Kuh" der Oberstufe in Mathematik, die wurde mittlerweile geschlachtet. Alle Sachen, die die Mathematik ausmachen, gibt es nicht mehr. Und im Zentral-Abi sind in den vergangenen Jahren den Schülern die Lösungen nahegelegt worden, weil die Kontrollergebnisse da standen. Die sind aber nur zur Bearbeitung einiger Mathematikaufgaben notwendig. Die Aufgaben wählen die Lehrer aus, aber nach den Vorgaben des Ministeriums.

Wo liegt es noch im Argen in der Mathematik?

Münnich Die Schule muss sich den gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen, deshalb wird angewandte Mathematik wie zum Beispiel Statistik immer bedeutender. Das geht zu Lasten der reinen Mathematik. Doch gerade durch diese kann man seinen Geist schulen, man muss klar und logisch denken. Mathematik ist eine Geisteswissenschaft.

Welche besorgniserregenden Erfahrungen haben Sie noch gemacht?

Münnich Als vor einiger Zeit ein grafikfähiger Taschenrechner eingeführt wurde, habe ich gedacht: Die Schüler lernen nicht Mathematik, sondern das Bedienen eines Taschenrechners. Ich habe erlebt, dass Oberstufenschüler nicht Punkt- und Strichrechnung auseinander halten konnten. Das ist Grundschulstoff! Ich habe auch Lehrer von anderen Fächern in Geldern und Kevelaer darüber stöhnen hören, was Schüler alles nicht können. Es gibt ein Absinken des Niveaus durch die Bank.

Woran liegt das?

Münnich Zu meiner Zeit lag die Übergangsquote von der Grundschule zum Gymnasium im einstelligen Prozentbereich, jetzt sind es 40 Prozent. Viele Gymnasiasten gehören vom Niveau her einfach nicht dort hin. Früher war die Grundschulempfehlung verpflichtend, das wurde aufgeweicht. Bestehen die Eltern darauf, dass ihr Kind aufs Gymnasium soll, muss der Schulleiter es nehmen.

Was ist denn mit der Chancengleichheit?

Münnich Die Auslese war damals sicher hart. Doch nur 20 bis 25 Prozent eines Jahrgangs gehören aufs Gymnasium, der Rest nicht. Es ist aber politisch gewollt, dass immer mehr aufs Gymnasium gehen. Die Schüler sind aber nicht intelligenter als früher, also muss das Level gesenkt werden, sonst geht es nicht mit immer mehr Abiturienten und Studenten. Andererseits klagt das Handwerk, dass ihm Fachkräfte fehlen.

Wie ist ein Umsteuern denn da möglich?

Münnich Ein verantwortungsvoller Schulleiter sollte, wenn die Empfehlung Gymnasium nicht vorsieht, versuchen, den Eltern ins Gewissen zu reden. Aber für ihn gibt es angesichts sinkender Schülerzahlen ja auch Sachzwänge. Die Räume und das Kollegium sind da. Ich sehe momentan keine Kehrtwende, die Übergangsquoten steigen eher noch.

Geht nicht die sinkende Qualität der Schüler mit der schlechter werdenden Lehrerausbildung einher?

Münnich Die Lehrerausbildung hat sich trotz allem etwas gebessert. Ein Praktikum für Lehramtsstudenten hat es früher nicht gegeben, die wurden nach den Staatsexamen auf die Schüler losgelassen. Jetzt ist das ein bisschen praxisnäher. Und wenn ein Student merkt, der Lehrerberuf ist nichts für ihn, kann er noch umsatteln. Aber wie in jedem Beruf wurstelt sich mancher durch.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Münnich Früher gab es eher die Allianz Eltern-Lehrer. Wenn heute ein Lehrer einen Fehler macht, kreuzen die Eltern direkt mit dem Rechtsanwalt auf. Die Lehrer können kaum noch was sagen. Es gibt welche, die mit dem Druck, der von allen Seiten immer höher wird, nicht klarkommen. Und dann gibt es ständig neue Vorgaben. Alle Jahre wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, gibt es neue Lehrpläne.

MICHAEL KLATT STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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