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Verfolgungsjagd
Opfer und Zeuge fangen Räuber in Geldern

Verfolgungsjagd: Opfer und Zeuge fangen Räuber in Geldern
Ein unbeobachteter Augenblick genügte dem Dieb (Symbolbild) FOTO: Gerhard Seybert
Geldern. Dreist stiehlt ein Mann auf dem Florianweg in Geldern eine Handtasche aus einem Auto. Die Besitzerin läuft schreiend hinterher - und bekommt unverhofft Hilfe von einem mutigen Fahrradfahrer.   Von Sina Zehrfeld

Der 59-jährige G. reparierte gerade vor seiner Garage etwas an seinem Auto, als auf dem Weg vor ihm ein Mann vorbeispurtete. "Im ersten Moment dachte ich nur: Oh, guter Sprinter", erzählt er. Er registrierte, dass der Rennende eine schwarze Tasche im Griff hatte. Und Sekunden später lief eine Frau schreiend hinterher: "Hilfe, Hilfe, meine Tasche!" G. erfasste die Lage, sah eine Nachbarin, die gerade mit dem Fahrrad nach Hause kam, schnappte sich die Fiets - und nichts wie hinterher.

Das Geschehen ereignete sich am Dienstagmittag gegen 13.45 Uhr, und es entwickelte sich zu einer Verfolgungsjagd durchs ruhige Wohnviertel. Opfer des Handtaschenraubes war eine 39-jährige Geldernerin. Sie hatte ihr Auto auf dem Florianweg kurz unverschlossen und unbeobachtet gelassen, ihre Handtasche auf dem Beifahrersitz. "Das hat nicht länger als eine Minute gedauert", erzählt die Frau. Der Dieb müsse sie vorher schon beobachtet haben. Jedenfalls nutzte er die Gelegenheit, öffnete die Wagentür und machte sich mit der Tasche davon.

Bestohlene schrie dem Dieb hinterher

"Ich habe das gar nicht sofort mitgekriegt", erzählt die Bestohlene. Erst einige Sekunden nach ihrer Rückkehr zum Auto begriff sie, was geschehen war, rannte los, bog um die nächste Ecke, "und da habe ich den Mann gesehen. Er hat die Tasche einfach in der Hand gehabt, er hat sie nicht mal versteckt", berichtet sie heute noch schockiert. Sie schrie dem Fremden hinterher, dieser rannte daraufhin los, und der 59-jährige Zeuge G. setzte ihm auf dem geliehenen Rad nach.

Hinter der nächsten Biegung, mittlerweile auf der Lindenallee, verlor auch er den Fliehenden aus den Augen. Immerhin hatte der Täter die Handtasche ungeöffnet weggeworfen, sie lag auf dem Weg.

In diesem Moment näherte sich ein älterer Radler: Ja, er habe einen Flüchtenden gesehen, erklärte dieser, und deutete auf den Meisenweg. Und dort entdeckten die Verfolger den Dieb: Atemlos, schwitzend und keuchend versteckte er sich hinter einem parkenden Bus.

"Ey Kumpel. Komm mal her" sagte G. zu dem Dieb

Von dort an wurde die Situation brenzlig. Er sei erst einmal ganz ruhig abgestiegen vom Rad, beschreibt G. Er sei langsam auf den Fremden zugegangen und habe ihn möglichst unaufgeregt angesprochen: "Ey, Kumpel. Komm mal her." Als die 39-Jährige den Dieb ergreifen wollte, wurde dieser gewalttätig. "Er hat meine Hand verdreht", erzählt die Frau. Der Mann fluchte ihr auf Russisch etwas entgegen, was sich in etwa übersetzen ließe mit: "Was willst du, Schlampe?"

"In diesem Moment musste ich reagieren", schildert der Helfer G.: Er fiel dem Täter in den Arm. Der 59-Jährige ist trainiert, vor einem Kampf schreckte er nicht zurück. Aber der Räuber schlug und trat um sich, beide kamen zu Fall, G. wurde mehrfach von Faustschlägen am Kopf getroffen. "Der Täter war richtig aggressiv", erzählt die 39-Jährige, und G. erklärt: "In diesem Moment wurde ich etwas nervös." Er ist Pole, Deutsch spricht er nicht sonderlich gut, Russisch aber schon. Und so verstand er genau, wie der Täter ihn beschimpfte und wild bedrohte: "Du bist tot!"

Polizei klärt zweiten Diebstahl auf

Doch inzwischen gab es mehrere Zeugen, die die Polizei riefen und Handy-Aufnahmen machten, um Beweise zu sichern. Kurz darauf waren die Beamten vor Ort und setzten den Dieb fest. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen 33-Jährigen handelte, ebenfalls aus Geldern. Er wurde nach der Vernehmung wieder entlassen, ein Strafverfahren wurde eingeleitet, teilt die Polizei mit.

Die Ehefrau des Helfers erfuhr übrigens erst durch einen Anruf der Ermittler von dem beherzten Eingreifen ihres Mannes. "Ich habe solche Augen gemacht", sagt sie - sie sei stolz auf ihn. Er habe das nicht an die große Glocke hängen wollen, sagt ihr Mann. "Man muss helfen", das sei nun mal sein Wesen. In der 39-Jährigen Bestohlenen sitzt der Schreck noch tief. Sie fühlt sich auf dem Florianweg jetzt unwohl. Gestern nämlich wurde dort erneut ein Diebstahl aus einem Auto gemeldet. *Name der Redaktion bekannt.

Quelle: RP
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