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Straelen
Orgelherbst: Unglaublicher Virtuose aus Mailand

Straelen. Der Internationale Orgelherbst hat in seinen 18 Jahren etliche spektakuläre Konzerte erlebt, über die in Superlativen geschrieben wurde. Was Paolo Oreni nun auf der Stockmann-Orgel in der Pfarrkirche St. Peter und Paul vollführte, lässt sich kaum in Worte fassen. Er zeigte sich als ein unglaublicher Virtuose mit einer Technik, die keine Grenzen kennt.

Als erfahrener Organist wusste der Italiener, wie man dem "Vivaldi-Konzert, D-Dur" von Johann Sebastian Bach durch flexible und agogisch nuancierte Spielweise eine musikalisch durchdachte Phrasierung angedeihen lässt. Bachs Bearbeitung bot einen dichteren Satz als das Original durch Imitation der Umkehrung. Die Zäsuren und das Thesenhafte des Vivaldischen Originals wurden in unterschiedlichsten Registern thematisch in ein wucherndes Klangdickicht verwandelt. Oreni verstand es, das pompöse Element barocker Prachtentfaltung auszubreiten und durch eine rhythmisch und intonatorisch prägnante Spielart die Effekte zu unterstützen.

Mozarts ursprünglich für eine Orgelwalze komponierte "Fantasie f-Moll KV 608" ist kein leicht verdauliches Stück. Der 37-jährige Künstler verlieh dem Werk in recht zügigem Tempo eine spürbare Verschlankung und verzichtete auf die üblicherweise schwülstige schwergewichtig-wuchtige Orgelfassung. Die Registerauswahl war natürlich und durchsichtig und sorgte für erhöhte Strukturierung und Transparenz.

Spätromantische Steigerungen erlebten die Zuhörer in Liszts sinfonischer Dichtung "Prometheus". Orenis Bildersprache entwickelte sich hier ungleich romantisierend und schwelgerisch. In antiken Klanggemälden kämpfte Prometheus mit seinen Widersachern, unheilvoll wurde suggeriert, wie ein Adler sich in Zeitlupe in die Lüfte erhob. Der Organist tauchte die Atmosphäre in düster schillernde Registerfarben mit fließenden Übergängen und strahlenden Eskapaden. Er inszenierte dynamisch schlüssige Entwicklungen, die ganz und gar auf die Romantik verwiesen. Der Mailänder fegte mit seinen Füßen über die Pedale, rauschte wie ein Sprinter beim Endspurt über die Manuale. Er offenbarte sich in der ganze Exzentrik seiner Musik auch im "Allegro aus der VI. Symphonie" von Charles-Marie Widor, suchte und fand überraschend sphärische Klanginseln im Pianissimo und lebte sie aus. Bei seiner finalen Improvisation herrschte für ihn absolute Freiheit, auch wenn sich allmählich ein Thema herausschälte: Fragmente der deutschen Nationalhymne. Und als sich noch Otto M. Krämer mit an den mobilen Spieltisch setzte und die beiden vierhändig die Orgel bearbeiteten, waren Publikum und Akteure vollends begeistert.

Am Sonntag, 2. Oktober, spielt beim Straelener Orgelherbst der ehemalige Organist der Marienbasilika Kevelaer Professor Wolfgang Seifen. Das Konzert beginnt um 19.30 Uhr.

(usp)
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