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Geldern
Schüler arbeiten "gegen das Vergessen"

Geldern: Schüler arbeiten "gegen das Vergessen"
Luca Willems, Sandy Endepohls, Marvin Mommers, Robin Horsch und Jasper Schröder (v.l.) arbeiteten gemeinsam mit Lena van Cuick und Franziska Wolf an dem Flyer „Stolpersteine in Straelen“. FOTO: Mokwa, Bianca
Geldern. Im Straelener Gymnasium ist gestern ein Flyer vorgestellt worden, der alle ehemaligen Wohnorte von jüdischen Bürgern enthält. Vor den Häusern liegen Stolpersteine. Geschichtsunterricht nah am Leben und nicht aus Büchern. Von Bianca Mokwa

Sieben Schüler sind mit dafür verantwortlich, dass es den neuen Flyer gibt. In der Schule und zu Hause haben sie sich mit dem Thema "Stolpersteine in Straelen" beschäftigt.

Für diejenigen, die mit dem Begriff nichts anfangen können, erklärt es Christel Terhorst vom Straelener Gymnasium. Stolpersteine sind Pflastersteine mit einer kleinen Messingplatte. Die trägt den Namen, das Geburts- und Sterbedatum eines jüdischen Bürgers. Oft sind dort die Worte "Deportation" oder "KZ" zu lesen. 19 dieser Steine sind im Stadtgebiet Straelens von dem Künstler Gunter Demnig verlegt worden. Die Schüler haben die Geschichten dahinter mit Hilfe des ehemaligen Stadtarchivars Bernhard Keuck aufgearbeitet und eine Karte erstellt, auf der alle Stolperstein-Orte verzeichnet sind.

Der Stolperstein erinnert an den tragischen Tod von Edith Mendel. FOTO: Schulprojekt

"Wir treffen uns nicht rein zufällig heute", sagt Terhorst in ihrer kurzen Ansprache, in der sie den Flyer vorstellt. Gestern war der 10. November. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war die Reichspogromnacht. "Die große Synagoge in Geldern wurde in Brand gesetzt und auch in Straelen gab es Spuren von Zerstörung und Vandalismus", erinnert Terhorst an die Geschehnisse. Sie liest vor, was aus der Zeit bekannt ist, wie Matratzen und Textilien aus blinder Zerstörungswut der Nationalsozialisten morgens vor Häusern lagen, Scheiben zersplitterten - so auch bei der Familie Mendel, um ein Beispiel zu nennen.

Die Schüler des Religionskurses der 10. Klasse machten sich auf den Weg, besuchten jedes Haus und sahen sich jeden Stolperstein genau an. Das Thema Judenverfolgung ist ihnen nicht fremd. "Das ist Teil des Lehrplanes, im Fach Religion und in Geschichte", sagt Christel Terhorst. Und dennoch war diese Beschäftigung mit dem Thema anders. "Es war klar, dass so etwas passiert ist, aber es war nie so nah", fassen es die Schüler in Worte. "Es war jetzt persönlicher", sagt Jasper. "Weil die Familien, denen das passiert ist, plötzlich in der Nachbarschaft wohnen", drückt es Robin aus. Genau das ist auch, was ihnen Straelens ehemaliger Stadtarchivar erzählen konnte. Sein Vater hat das alles miterlebt: Wie Menschen, mit denen man zusammen zur Schule ging, mit denen man friedlich nebeneinander lebte, plötzlich verschwanden, bedroht oder deportiert wurden. Ein Teil der jüdischen Familie Mendel konnte nach Amerika fliehen. Eduard Mendel hingegen wurde 1942 deportiert und starb am 17. Januar 1943 im KZ Theresienstadt.

2013 wurden in Straelen die ersten fünf von 19 Stolpersteinen verlegt. FOTO: Seybert Gerhard

"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", zitiert Christel Terhorst aus dem jüdischen Schriftwerk, dem Talmud. Das ist auch der Grund, warum der Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine mit den personalisierten Messingplatten verlegt. Der Untertitel des Flyers, der alle Straelener Stolpersteine aufzeigt, heißt deswegen auch "Gegen das Vergessen." Christel Terhorst regt an, dass sich jeder so einen Flyer einsteckt und so "die Geschichte der Stadt mit nach Hause nimmt".

Erhältlich ist der Flyer bei der Stadt Straelen und im Straelener Stadtarchiv. Mitglieder des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend bekommen ein Exemplar zugeschickt. Der Verein hat das Projekt auch gefördert.

Quelle: RP
 
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