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Geldern
Senioren tagelang ohne Aufzug

Geldern: Senioren tagelang ohne Aufzug
Die Seniorenresidenz "Walbecker Hofgarten". Die meisten Bewohner leben in den beiden Obergeschossen. FOTO: szf
Geldern. In der Seniorenresidenz "Walbecker Hofgarten" war eine knappe Woche lang der Fahrstuhl außer Betrieb. Bewohner in den Obergeschossen saßen auf ihren Etagen fest, sind empört und schildern die Lage als beklemmend. Von Sina Zehrfeld

Mieterin Gertrud Schlütter hat sich am Donnerstag mit ihrem Rollator bis zum Aufzug vorgearbeitet. Zwei Techniker hocken da im ersten Obergeschoss vor dem halb geöffneten Schacht und hantieren mit ausgebauten Teilen. "Endlich", stöhnt Gertrud Schlütter und schimpft: "Eine Woche hock' ich schon hier im Stall! Ich lauf' hier immer im Flur rund - ich hab' schon 'nen Drehkoller." Die 81-Jährige wirkt energiegeladen. Aber die Treppe ist für sie unüberwindbar: "Ich kann das nicht mit meinen Knien", erzählt sie. "Auch nicht mit dem Herzen."

In der Seniorenresidenz "Walbecker Hofgarten", in der "Betreutes Wohnen" angeboten wird, war von vergangener Woche Freitag bis Donnerstag dieser Woche der einzige Fahrstuhl außer Betrieb. 32 Wohnungen gibt es in den beiden Obergeschossen der Anlage. Die Senioren, die es mit der Treppe nicht aufnehmen konnten, saßen auf ihren Etagen fest.

Anneliese Hundt auf den Balkon ihrer Wohnung im "Hofgarten". FOTO: Zehrfeld Sina

So wie Mieterin Anneliese Hundt. "Es ist furchtbar. Man ist so abgeschnitten und hilflos", sagt sie eindringlich. Die 86-Jährige ist quasi Gelderner Prominenz: SPD-Urgestein, langjährige Ratsfrau und Mitbegründerin des Seniorenbeirates. Sie schildert die Situation als sehr bedrückend. "Es gibt hier auch Leute, die können sich nicht so artikulieren, aber die haben Angst", sagt sie. "Du kannst einfach nicht nach draußen. Du bist auf andere angewiesen." Um den Müll runterzubringen, die Post zu holen, Einkäufe zu erledigen - das ganze Alltagsleben läuft nicht mehr. Sie selbst hatte Mittwoch einen Arzttermin: "Da mussten die Mädchen von der Caritas mich praktisch nach unten tragen." So etwas sei verunsichernd.

Die Caritas bietet ambulante Pflege in der Residenz an, ist also ebenfalls Mieterin in der Immobilie. Die Leistung klappt auch ohne Aufzug, erklärt Sprecher Tobias Kleinebrahm am Mittwoch: "Wir stellen die Pflege ganz normal sicher, wir kommen zu allen Patienten." Es gebe auch Konzepte, um die Menschen in Notfällen aus dem Haus zu bringen. Es gehe also nicht um Risiken für Leib und Leben. "Das Problem ist eben der Alltag für die Leute", streicht Kleinebrahm heraus.

Das Demenzcafé, das die Caritas auch für Besucher von außerhalb im ersten Obergeschoss anbietet, wurde zunächst mal ausgesetzt. Und die Caritas-Mitarbeiter hülfen den Bewohnern vermehrt auf der Treppe. Aber es gebe Patienten, bei denen das nicht möglich sei: "Die sitzen in ihren Wohnungen fest", so Kleinebrahm. Rollstuhlfahrer zum Beispiel: "Die kriegen wir nicht runter."

So wie Rollstuhlfahrer Heinrich-Gerhard Strompen (62), der eine Eigentumswohnung in der ersten Etage hat. Als er am Sonntag aus dem Urlaub nach Hause kam, musste er die Treppe hochgetragen werden und war seitdem oben "gefangen" - eine beklemmende Lage.

Mieterin Anneliese Hundt will die Sache nicht auf sich beruhen lassen. "Eigentlich müsste in einem Haus, wo so viele Leute wohnen, doch Ersatz da sein", findet sie. "Ich habe mir vorgenommen: Wenn nach diesem Desaster nichts passiert, muss ich massiver vorgehen. Es muss eine Lösung gefunden werden." Zum Beispiel durch den Einbau eines Außen-Aufzugs.

Es sei nämlich nicht das erste Mal, dass es mit dem Lift Probleme gibt. Am 1. August 2016 habe sie exakt 57 Minuten darin festgesteckt. Danach hatte sie lange Zeit Angst davor, überhaupt noch einen zu betreten.

Auch andere Bewohner und Besucher des Hauses berichten, dass es früher schon Fehlfunktionen gab. Im Protokoll einer Eigentümerversammlung ist festgehalten, dass ein für 2017 vorgesehener Austausch der Aufzugsanlage voraussichtlich auf 2018 verschoben werden müsse.

Die im Internet für Fragen zu Vermietung und Verkauf genannte "Walbecker Hofgarten GmbH" wollte sich nicht äußern. In einer Mail an die Redaktion hieß es: "Abgesehen davon, ob der von Frau Zehrfeld geschilderte Sachverhalt nun stimmt oder nicht, ist die Walbecker Hofgarten GmbH nicht der Ansprechpartner, was die Zuständigkeit der Immobilie und deren Funktionalität angeht." Es handele sich "um eine rein private Wohnimmobilie".

Telefonisch wurde durch die GmbH auf den Ehemann der als Geschäftsführerin aufgeführten Frau verwiesen: Dieser sei nämlich "Haupteigentümer" des Gebäudekomplexes. Der Benannte bestätigte das am Telefon, wollte sich jedoch ebenfalls nicht dazu einlassen. Er erklärte, er habe keinen Grund, sich zu rechtfertigen, und sagte unter anderem: "Es gibt kein Aufzugsproblem."

Quelle: RP
 
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