| 00.00 Uhr

Geldern
So fühlt sich das neue Berufskolleg an

Geldern: So fühlt sich das neue Berufskolleg an
Moderne Optik mit nettem Teich davor, das Berufskolleg setzt im Neubaugebiet Nierspark architektonische Akzente. FOTO: Kreis Kleve
Geldern. Moderne Technik trifft auf altbackene Tafeln und Kreide an der neuen Stätte am Nierspark. Die Schulglocke wurde hingegen abgeschafft. Mit der Hochschule Rhein-Waal soll in zukunft mehr zusammengearbeitet werden. Von Bianca Mokwa

Es riecht nach "neu" und nach Reifengummi. Auf der Hebebühne steht ein schwarzer Kleinwagen. Ihm gegenüber ein Auto-Skelett. Nur noch das Logo auf dem Lenkrad und der Radkappe lassen erkennen, dass es mal ein Porsche war. Jetzt sind das Gegenstände für Schüler des Berufskollegs des Kreises Kleve in Geldern.

Groß ist der Bau geworden, 36 Millionen Euro teuer, vieles anders als in den alten Stätten am Ostwall und der Friedrich-Spee-Straße. Die riesige Hebebühne weiter hinten im Raum fällt ins Auge. "9000 kg" steht dort in Rot. Flammneu ist die, keine einzige Reifenspur ist zu sehen. Eine Hebebühne für Lkws, auch das ist neu. Möglich wurde das durch die enge Zusammenarbeit mit der Innung, erklärt Thomas Reimers, Schulleiter des Berufskollegs.

Schulleiter Thomas Reimers und Landrat Wolfgang Spreen betrachten gespannt einen Versuchsaufbau. FOTO: Kreis Kleve

Von der Werkstatt kann ein Blick durch eine Glasscheibe in den Klassenraum geworfen werden. Theorie und Praxis sind so nah wie nur möglich und noch nie zuvor. Die Werkstätten liegen bewusst auf der Seite zu den Bahnlinien. Da stört das Geräusch der Züge nicht, und die stören sich nicht am Hämmern und Sägen. Die reinen Schulräume liegen auf der anderen Seite. Um dahin zu gelangen, geht es vorbei an den Werkstätten, die hoch in den Himmel ragen. Neben dem Haupteingang haben es sich einige Schüler auf dem Steg, der über einen Teich führt, gemütlich gemacht. Die Tür zur Mensa steht ein Stück auf und gibt den Blick auf viele weiße Stühle frei. Innen stehen ein paar junge Männer in blauen T-Shirts und dunklen Arbeitshosen an. "Unsere Mensa, die wird sehr gut angenommen", sagt Reimers und fügt ein augenzwinkerndes "so gut, dass letztens das Essen ausverkauft war, das ich haben wollte", an.

Stolz zeigt er eines der Herzstücke des Gebäudes, das Selbstlernzentrum, das nach den Herbstferien eröffnet wird. In den Regalen soll jede Menge Literatur zur freien Verfügung stehen. Landrat Wolfgang Spreen bewundert die an die 1970er Jahre erinnernden Vorhänge mit dem Riesen-Blumenmuster. Retro eben. Eine der Sitzgelegenheiten ist vom Architekten gezeichnet, von Schülern am PC umgesetzt und von der Tischlerklasse ausgefräst und zusammengebaut worden. "Wir könnten selbst bauen, backen", zählt Reimers nur einiges Können auf, was die Schüler erlernen. Er wird ein wenig wehmütig. Gestern war sein letzter Schultag. Jetzt ist Ruhestand angesagt. Dabei würde er so gerne noch mehr mitgestalten.

Das war mal ein Porsche, zumindest steht das noch auf dem Lenkrad des Skeletts in der Werkstatt des Berufkollegs. FOTO: Kreis Kleve

Einiges bleibt. Die Transparenz. Dafür hat er gesorgt. Er geht vor, vorbei an den vielen Klassenzimmern mit den roten Türen. An der Seite ist jeweils eine Glasscheibe eingelassen, gibt den Blick in das Klassenzimmer frei. "Es gibt keinen geheimen Unterricht mehr", sagt Reimers. Ein Stück weiter gibt eine halb offene Tür den Blick auf die sanitären Einrichtungen frei. Zwar neu, sieht es wie überall auf Schultoiletten aus: Ein bisschen Durcheinander, ein Haufen Papierhandtücher liegt auf dem Boden.

Der Blick in das nächste Klassenzimmer zeigt, es gibt dort keine Tische mehr. Die Schüler sitzen an Rechnern. Am Stuhl selbst ist ein kleiner Schreibtisch integriert, der bei Bedarf ausgeklappt werden kann. 50 WLAN-Punkte gibt es im Gebäude. "Kein freies WLAN", betont Reimers. Jeder Schüler hat eine Mailadresse und ein Passwort.

Experimente anschaulich erklären, das ist Aufgabe der Lehrer. FOTO: Kreis Kleve

Was noch alles möglich ist, zeigt Lehrer Andreas van Preuissen. Wäre der Beamer über seinem Kopf aus, stünde er vor einer weißen Wand. So aber ist das Bild von einem Rechner zu sehen. Mit Bedieneroberfläche. Er tippt mit seinem Finger auf die Wand, und ein Programmfenster öffnet sich. "Interaktiver Beamer" nennt sich das. Mit einem Stift kann er auf das Wandbild schreiben, mit dem bloßen Finger Linien in einer Grafik zeichnen.

Wer es noch nicht gesehen hat, für den ist schwer zu glauben, was alles möglich ist. "Es ist die Idealvorstellung, die ich vor ein paar Jahren hatte, alle Geräte anzuschließen zu können", sagt van Preuissen. Wie zur Begründung legt er ein aufgeschlagenes Buch hin, die Seiten erscheinen ebenfalls auf der Wand. Die grüne Tafel daneben wirkt geradezu antik. Van Preuissen schüttelt den Kopf. "Man muss auch mit normalem Handwerkszeug klar kommen." Um die Motivation zu steigern, sei der Einsatz moderner Medien aber eine gute Sache.

Gut für die Zukunft aufgestellt zu sein, ist das eine. In den Wissenschaftsräumen, Physik, Chemie, Biologie, ist ebenfalls viel möglich. Denn gewollt ist eine "dauerhafte und vertiefte Zusammenarbeit mit der Hochschule Rhein-Waal", sind sich Reimers und Spreen einig. Deswegen seien Forschungsmöglichkeiten geschaffen worden, die ein Berufskolleg nicht haben müsste.

Beim Rundgang ertönt nicht einmal eine Schulglocke. Das ist gewollt. "Wir probieren das zur Zeit aus", sagt der Schulleiter. Mit ersten (Er-)Folgen. Ein Lehrer beichtete, dass er seinen Unterricht 20 Minuten überzogen hatte. "Das muss ein erfolgreicher Unterricht gewesen sein", mutmaßt Reimers. Er könnte noch viel erzählen, manche Tür mit seinem elektronischen Schlüssel, einem kleinen runden Ding, öffnen, und über weitere Flure gehen. "Alles abzulaufen, da wären wir einen ganzen Tag unterwegs", so der Schulleiter augenzwinkernd

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Geldern: So fühlt sich das neue Berufskolleg an


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.