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Geldern
So sollen Flüchtlinge Karneval verstehen

Geldern: So sollen Flüchtlinge Karneval verstehen
Malteser
Geldern. Nicht übergriffig werden, nicht zu viel trinken: Mehr oder weniger freundliche Flugzettel sollen Flüchtlinge über Karneval informieren. Geldern setzt aufs Gespräch. Dabei kommt heraus: Viele haben Angst nach Vorfällen in Köln. Von Sina Zehrfeld

Wie man Flüchtlinge am besten darüber aufklärt, was es mit dem - man muss es zugeben - für Außenstehende vielleicht etwas befremdlichen Karnevalstrubel auf sich hat, darüber gibt es offenbar höchst unterschiedliche Vorstellungen. In Köln ist das bunte Infoblatt, das das Festkomitee herausgegeben hat, eine Einladung an Neulinge. Da steht jeweils auf Deutsch und auf Arabisch oder Englisch, was das mit der ganzen Kostümierung soll, wie "Straßenkarneval" geht, und dass wirklich jeder einfach so mitfeiern darf. Botschaft: Alle sollen sich wohlfühlen, sei dabei.

Festkomitee Kölner Karneval

Zahlreiche Städte haben eigene, teils humorig illustrierte Flugzettel als "Karnevals-Knigge" drucken lassen. Die Malteser-Organisation, die Unterkünfte im Kreis betreut, präsentiert ein Info-Papier, auf dem die Ritter und Mönche ihre Arme freundlich zum Helau schwenken. Die Bezirksregierung Düsseldorf ist die Sache eher in behördentypischem Ernst angegangen.

Der Schrieb, den sie in einer Reihe von Sprachen herausgegeben hat, ist auch in Gelderns Flüchtlingsunterkünften ausgehängt worden. Kernpunkte: Es laufen Menschen in Polizei- oder Soldaten-Kostümen herum. Ihre Waffenattrappen sind nicht echt, sollten aber trotzdem nicht ungefragt angefasst werden. Ebenso wenig wie fremde Menschen. "Ein wichtiger Grundsatz an Karneval ist Toleranz und Respekt. Das gilt für jeden, der feiern will. Für Männer genauso wie für Frauen", steht da. "Feiern ist erlaubt, aber nur so, dass sich davon niemand gestört fühlt. Das gilt ganz besonders für den Umgang mit Mädchen und Frauen. Auch wenn diese sich reizvoll oder provokant kleiden. Das ist keine Einladung oder Aufforderung!"

Das Papier legt dar, dass das Bützen lediglich eine karnevalstypische Begrüßung ist und keine Offerte, dass Alkohol nur in kleinen Mengen getrunken werden sollte, und dass die "echte Polizei" verstärkt im Einsatz ist, damit "Ausschreitungen, Diebstähle und sexuelle Übergriffe wie zu Silvester unterbunden werden". Anweisungen von Beamten sei Folge zu leisten.

Bezirksregierung

In Geldern haben die Verantwortlichen die Information zwar verteilt; schließlich komme sie nun mal von der Bezirksregierung. Dass sie genügen könnte, um Karnevals-Geist und -Brauchtum zu beschreiben, darauf verlassen sich die Gelderner aber nicht.

Man lege "größten Wert auf persönliche Ansprachen", sagt Stadt-Sprecher Herbert van Stephoudt: "Der Schwerpunkt liegt auf dem persönlichen Kontakt." Die Mitarbeiter, Beamte der Polizei und die vielen Ehrenamtler, die ständig mit den Geflüchteten zu tun haben, hätten in allen Unterkünften Gespräche geführt und Fragen beantwortet. Die Menschen hätten darauf durchweg sehr positiv reagiert, lautet das Resümee. Wobei alle eigentlich "bereits sehr gut informiert gewesen" seien und die Berichterstattung in den Medien "sehr wohl verfolgt" hätten.

Ein Umstand sei den Mitarbeitern klar geworden, erläutert van Stephoudt: Die Flüchtlinge haben ihrerseits Befürchtungen, sie könnten an den tollen Tagen von Deutschen angegangen werden, wenn Alkohol fließt und die Stimmung aufgeheizt ist. "Das ist etwas, worüber sich die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften Sorgen machen."

Die Asylsuchenden wissen von den Angriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht, auch von den dadurch geschürten Ressentiments. Viele fürchten offenbar, dass diese Taten auf sie zurückfallen könnten. Nicht, dass sie sich gerade in Geldern oder der Umgebung bedroht fühlten. Aber: "Die wollen lieber vorsichtig sein und zu Karneval zu Hause bleiben", so van Stephoudt. Sein Urteil: "Das wäre natürlich nicht im Sinne der Integration."

Quelle: RP
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