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Geldern
Sorge um das Heilig-Geist-Glockenspiel

Geldern: Sorge um das Heilig-Geist-Glockenspiel
Pfarrerin Sabine Heimann und Ulrich Edelkraut begutachten das in die Jahre gekommene Glockenspiel, das einst von der Firma "Ed. Korfhage & Söhne" gefertigt wurde. FOTO: BIMO
Geldern. An der evangelischen Kirche in Geldern kündigen fromme Lieder die Tageszeit an. Die Lochstreifen-Mechanik ist allerdings in die Jahre gekommen. Sechs oder sieben Glockenspiele dieser Art gibt es nur noch in Deutschland. Ersatz wird nötig. Von Bianca Mokwa

Durch "Jesus ist kommen" geht ein Riss. Der ist mit einem Streifen Tesafilm überklebt. Ansonsten würde zur Mittagszeit nicht das Lied durch die Gassen Gelderns klingen können. Risse sind keine Seltenheit auf den zarten Lochstreifenpapieren, die viele fromme Lieder enthalten und die regelmäßig die Tageszeit ankündigen. "Museumsreif" nennt Ulrich Edelkraut mit einem Seufzer die Lochstreifenapparatur, die dafür sorgt, dass die Glocken im Dachreiter der Heilig-Geist-Kirche angeschlagen werden. Das Glockenspiel ist in die Jahre gekommen. Nicht nur Pfarrerin Sabine Heimann sieht die Entwicklung mit Sorge. Wie ein Aufbäumen scheint es da, dass das Glockenspiel jüngst mitten in der Nacht andauernd läutete. Danach wurde es zunächst abgestellt.

Nur noch sechs oder sieben seiner Art gibt es in Deutschland, sagt die Pfarrerin. "Turmuhrenfabrik Ed. Korfhage & Söhne, Glockenspiele - Kunstuhren" steht vorne an der Apparatur. Sie wurde in Geldern 1956 eingeweiht. "Ich denke, es war eine Idee nach dem Krieg, weil es nur eine Hauptglocke gibt", sagt Heimann. Mit dem Glockenspiel kam die Möglichkeit, morgens, mittags und abends zu läuten und vor allem Abwechslung einzubringen. Zu jeder Tageszeit erschallt eine andere Melodie. Um die Vielfalt noch zu vergrößern, wurde 1970 das Glockenspiel um acht Glocken erweitert, so dass insgesamt 24 Glocken erklingen können. Die sind keineswegs klein. "Tiefe Töne brauchen auch eine große Glocke", erklärt Edelkraut. Allerdings ist die Musik über die Lochmechanik nicht die einzige Bedienungsmöglichkeit. Es gibt auch einen Spieltisch. Der erinnert an die Klaviertastatur, nur mit weniger Tasten. Jeden Sonntag, fünf Minuten, bevor die Glocke zum Gottesdienst läutet, setzt sich Organistin Jeehyun Park an den Spieltisch und bedient das Glockenspiel virtuos über die Tastatur. "Wenn jemand spielt, ist es anders als vom Lochstreifen. Man hört den Unterschied einfach, und Frau Park ist zudem eine Meisterin der Improvisation", schwärmt Heimann.

Dennoch möchte sie die alte Lochstreifenmechanik nicht missen. Einige Liedrollen sind leider so marode, dass sie nicht mehr gespielt werden können. Der Spieltisch und die Lochstreifenmechanik sind in die Jahre gekommen. Die Lösung wäre ein neues, vermutlich elektronisches System. "Es gibt keine Ersatzteile für die Mechanik und den Spieltisch", beschreibt Heimann das Dilemma. Wie lange das Glockenspiel noch durchhält? "Gute Frage", lautet die Antwort der Pfarrerin. Aber sie und viele andere bleiben nicht untätig und sammeln Geld. Die Jugendlichen beteiligten sich mit einer Autoputzaktion, Mitglieder des Presbyteriums backten Kuchen, von der Goldschmiede Link wurden kleine Silberglöckchen entworfen, die als Kettenanhänger verkauft wurden. Auch die Überschüsse aus den Konzert- und Theaterfahrten der evangelischen Kirchengemeinde dienen dem Glockenspiel. "Wir haben als Rahmen eine Mindestteilnehmerzahl, alles, was darüber hinausgeht, ist Gewinn fürs Glockenspiel", sagt Edelkraut, der die Fahrten organisiert. Die boomen, weil viele Menschen die bequeme Fahrt in Gemeinschaft im Bus der Fahrt alleine im Auto in die Großstadt vorziehen. Die nächste Fahrt ist am Freitag, 16. Februar, zu "Cinema in Concert" mit den Duisburger Philharmonikern. Die Anmeldung ist noch bis Donnerstag, 18. Januar, bei Edelkraut möglich.

FOTO: bimo

Zuletzt konnten von Seiten der Konzert- und Theaterfahrten 1000 Euro an Gewinn in die zwingend notwendige Erneuerung des Glockenspiels fließen. "Allein der Spieltisch wird 25.000 Euro kosten", rechnet Heimann vor. Da ist der Einbau noch nicht enthalten. Bisher habe man mit viel Glück die Hälfte zusammen. Es muss also noch weiter mit vielen kreativen Aktionen Geld gesammelt werden. Heimann ist es wichtig, dass das Geld fürs Glockenspiel nicht aus Kirchensteuermitteln kommt. "Diese Mittel brauchen wir für den normalen Betrieb der Kirchengemeinde. Die Glocken sind nicht diakonisch wichtig, sie sind eher das Sahnehäubchen." Zudem sei es in Geldern gute Tradition, dass die Gläubigen für ihr Glockenspiel einstehen. Auf den Glocken stehen die Namen der Stifter. Damit sie auch weiterhin als Lied klingen, zum Beispiel als fröhliches "Jesus ist kommen", muss weiter gespendet werden.

Doch so recht trennen mag sich keiner von der Lochstreifenmechanik. Aber wie lange das noch gut geht, wer weiß?

Quelle: RP
 
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