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Geldern
Sozial-Sezierung mit Kabarettist Till Reiners

Geldern. Sein Programm heißt "Auktion Mensch", denn Till Reiners weiß, "dass es dafür eben eine ständig laufende Werbekampagne gibt. Es ist ein Dauerthema, mit dem alles in unserer Gesellschaft zu tun hat". So eben auch sein zweites Programm, dessen wortgewandten Rundumschlag er am Mittwochabend mit spitzbübischem Charme auf der Bühne der Tonhalle der Kreismusikschule präsentierte. Mit Ausdruck und Mimik dirigierte Reiners die gut 110 Besucher. Sie hingen an den Lippen des Kabarettisten, der durch seine Beobachtungsgabe und durch verschiedenste "Poetry Slams" seinen sarkastischen Offenbarungshumor so sehr geschärft hat, dass er nun scheinbar spielend leicht zwischenmenschliche Gegebenheiten in ihre Einzelteile zerlegt. Von Christoph Kellerbach

Bei der Sozial-Sezierung sparte er nicht mit Selbstironie und beschwichtigte das Publikum zu Beginn des Programmes: "Ich rede halt, mehr passiert hier jetzt nicht." Aber mehr als ein Mikro brauchte er auch nicht, um den ganzen Abend unvergesslich zu machen.

Bei seinem Programm um die "Auktion Mensch" lag ein Fokus natürlich auf Politikern. "Bei vielen von denen ist die politische Meinung eher so eine Art Einrichtungsgegenstand, denn wenn die Wohnung größer wird, muss die dann eben raus." Für Reiners ermöglicht der Kapitalismus "das Ausleben der eigenen Angst, Langeweile und Bequemlichkeit", und treibt in Sachen Produktsortiment seltsame Blüten. "So gibt es zum Beispiel bei meinem Laden um die Ecke fünf verschiedene Klopapiersorten. Vom zweilagigen für Sparsame und Risikofreudige bis hin zu fünflagigem für Paranoide. Aber meine Lieblingssorte war natürlich nicht dabei!"

Der seit 2011 jedes Jahr mit Kabarettpreisen ausgezeichnete Reiners schaffte während des Abends immer wieder den schwierigen Spagat, gleichzeitig bei wichtigen Themen anzusetzen, diese dann aber mit gleichermaßen so viel Wissen wie Selbstironie zu präsentieren, dass die Zuschauer am Ende nicht nur unterhalten, sondern auch ein Stückchen weiser die Vorstellung verließen.

Bei den angeregten Gesprächen nach dem Programm kam dabei ein Spruch von Till Reiners wieder ins Gedächtnis. Er meinte nämlich, "dass es keine natürliche Nachfrage nach mir gibt. Ich bin so etwas wie ein Smartphone. Schön zu haben, aber nicht nötig." Letztgenannter Punkt dürfte wohl der einzige Moment des Abends gewesen sein, bei dem der Kabarettist daneben lag.

Quelle: RP
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