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Zielscheibe
Der Fußballplatz als Urschrei-Bühne

Geldern. Fernsehen und Fußball sind eindeutig die besten Ideengeber. Nur ein paar Minuten vor der Glotze oder hinterm Stankett - und schon steht mein neues Glossen-Thema. In diesem Falle das "Schreien". Letzteres dringt bekanntlich in den unterschiedlichsten Formen ins Ohr: Beim Weiterkommen in "Battle-Shows" als stummer oder spitzer Schrei künftiger "Voices of Germany", als nervender Schrill-Schrei vom "24-Checker" oder als Glücks-Schrei, wenn der einschlägige Paketservice klingelt.

Seit einiger Zeit hat sich das Schreien auf dem Fußballfeld zur Königsdisziplin der Unarten entwickelt. In manchen Spielen wird mehr geschrien als gespielt. Vermutlich werden dem Phänomen mittlerweile komplette Trainingseinheiten gewidmet. Dabei wirken viele Kicker konditioniert. Fallen und Schreien - in unheilvoller Symbiose vereint. Fast jedes Niedersinken, egal ob vom Gegner oder der eigenen Schwäche aus den Schlappen gehauen, wird mit markerschütterndem Schrei quittiert, so dass ich mich erschrocken nach Trage, Priester für die letzte Ölung oder im schlimmsten Falle sogar der Bahre umsehe. Leider vertrauen viele Schiedsrichter weniger dem eigenen Auge als dem Ohr und verwechseln steigende Dezibel-Zahlen mit dem Grad einer Verletzung oder der Schwere eines Fouls. Jeder Zuschauer, der auch nur einen Hauch von Fußballverstand mitbringt, kriegt angesichts dieser miesen "Show" das Gruseln.

Was mich allerdings trotz Inflation von Schreihälsen auf dem Spielfeld beruhigt, ist eine Umfrage des Psychotherapeuten Theodor Itten aus St. Gallen. Der hat wissenschaftlich nachgewiesen, dass Männer im Vergleich zu Frauen "öfter schreien und häufiger gewalttätig werden". Mit dem wichtigen Zusatz: "aber nur selten beides zugleich". So gesehen können wir jeden gefallenen "Krachmacher" ganz entspannt und völlig gefahrlos ertragen: Keine Angst, er tut nichts, er will ja nur schreien...

VON MICHAEL MEENEN

Quelle: RP
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