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Zielscheibe
Freundlichkeit ist kein Allheilmittel

Geldern. Nach durchwachsenem Wochenende inklusive einer bitteren Niederlage meines favorisierten Bundesliga-Klubs war meine Laune zu Wochenbeginn echt mies. Fast wie ein Affront erschien mir da die e-mail, die unaufgefordert ins elektronische Postfach flatterte. Eine "Agentur für Freundlichkeit" - kein Witz, die gibt's wirklich - bot Ihren Service an. Man müsse dem Kunden im Geschäftsleben freundlich begegnen, dann würde er auch freundlich reagieren. Mit anderen Worten: Der alte Hut vom "Wie man es in den Wald hineinruft..." neu aufgesetzt.

Nachdem sich tags darauf meine Laune parallel zum Wetter aufgehellt hatte, beschloss ich, aus der Agentur-Empfehlung Nutzen für meinen Nebenjob als Fußballtrainer zu ziehen. Als wir wieder einmal einen Schiedsrichter hatten, der offenkundig seine Brille zu Hause vergessen hatte, bot ich lächelnd meine an. Und weil er ebenso offenkundig seine Regelkenntnis in Bezug auf Abseits zuletzt vor gefühlten 25 Jahren aufgefrischt hatte, versprach ich ihm, eine Kopie der aktuellen Durchführungsbestimmungen zu schicken. Selbst als der Mann in Gelb - so etwas trägt der modebewusste Unparteiische heutzutage - forderte, den aufgesprühten Elfmeterpunkt mal eben um zehn Zentimer nach hinten zu verlegen, lächelte ich ungerührt und maß selbst noch einmal nach.

Nach so viel Freundlichkeit meinerseits hatte ich als Gegenleistung im weiteren Spielverlauf eine Top-Leistung an der Pfeife erwartet. Aber weit gefehlt: Dem Mann musste Fußball so fremd sein, wie einem Sahara-Bewohner der Schnee. Als wir am Ende der Partie brutal verpfiffen mit leeren Händen dastanden, raffte ich meinen letzten Rest Freundlichkeit zusammen und gratulierte zur "überragenden Leistung", konnte mir aber offenbar den ironischen Unterton nicht verkneifen.

Es kam, wie es kommen musste. Neben der Niederlage gab's noch einen Eintrag in den Spielbericht: Trainer beleidigt Schiedsrichter. Dabei hätte ich es wissen müssen, wenn ich die Empfehlung der "Agentur für Freundlichkeit" mit Sitz in Köln ernst genommen hätte: "Mit gespielter Freundlichkeit erreicht man nur das Gegenteil", war dort schwarz auf weiß zu lesen. Verdammt - bei nächster Gelegenheit kriegt der Mann in Schwarz (Gelb) wieder die nackte Wahrheit zu hören.

MICHAEL MEENEN

Quelle: RP
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