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Taktikfüchse müssen auf die Schulbank

Lokalsport: Taktikfüchse müssen auf die Schulbank
"Zettel-Thorsten" Fronhoffs vom SV Sevelen ist ein akribischer Arbeiter und bereits im Besitz der erforderlichen Lizenz. Meistermacher Stephan Houben vom TSV Wachtendonk-Wankum hat alle Nachweise erbracht, die ein Erfolgstrainer benötigt. Und Sebastian Clarke (Sportfreunde Broekhuysen, von links) ist immer noch mit der Praxis beschäftigt. FOTO: Heinz Spütz (2)/Armin Fischer
Gelderland. Der Fußball-Verband Niederrhein macht ernst: Wer eine Bezirksliga-Mannschaft trainieren möchte, muss ab der Saison 2020/'21 eine B-Lizenz vorweisen können. Problem: Viele Trainer sind Familienväter und müssen ihren Urlaub opfern. Von Heinz Spütz

Wer seinen Jungs auf dem Sportplatz ordentlich Beine machen möchte, muss demnächst vorher die Schulbank drücken. Schrittweise macht der Fußball-Verband Niederrhein die B-Lizenz zur Bedingung. Linienchefs, die auch noch ab der Saison 2020/'21 das Sagen haben möchten, müssen dann dieses Papier vorweisen können.

Die Trainer der aktuell sieben Bezirksligisten aus dem Gelderland betrachten die neue Vorschrift mit gemischten Gefühlen. Der Zeit voraus ist beispielsweise Thorsten Fronhoffs vom SV Sevelen: "Ich war gerade erst in Duisburg-Wedau und habe meine B-Lizenz verlängert. Das hätte ich ohnehin gemacht. Von dieser Regelung wusste ich nämlich noch gar nichts."

Sebastian Clarke, Trainer der Sportfreunde Broekhuysen, kann ebenfalls ganz gelassen mit der Verschärfung des Anforderungsprofils für Übungsleiter umgehen: "Ich habe die B-Lizenz und muss sie nur auffrischen. Ich finde diese Neuregelung grundsätzlich gut. Denn Fortbildung kann nur den Horizont erweitern." Andreas Holla, Trainer der DJK Twisteden, zeigt sich ebenfalls wenig beeindruckt, zumal er seine Hausaufgaben längst erledigt hat: "Ich habe alle Trainerscheine, mich betrifft das nicht."

Bei der durchaus kontrovers diskutierten Neuregelung hat im Hintergrund der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Finger im Spiel. "Das ist eine Anweisung von oben, die die jeweiligen Landesverbände jetzt umsetzen müssen", sagt Thomas Klingen, Mitglied im Qualifizierungsausschuss des Fußball-Verbandes Niederrhein (FVN).

Die Funktionäre wollen die Trainer aber keineswegs ärgern, sondern haben sich durchaus etwas dabei gedacht. "Das Niveau der Trainerausbildung soll kontinuierlich gesteigert werden. Davon profitieren in erster Linie die Spieler", erklärt Klingen.

Stephan Houben, der in den vergangenen Jahren den 1. FC Mönchengladbach und den SV Straelen in die Oberliga geführt hat und aktuell den Bezirksliga-Tabellenzweiten TSV Wachtendonk-Wankum auf Erfolgskurs bringt, wägt Vor- und Nachteile der Anordnung ab. "Grundsätzlich halte ich viel davon, die Qualität auch im Amateurbereich zu steigern. Aber man sollte die extremen Nachteile nicht vergessen. Für die Lehrgänge geht jede Menge Zeit und damit auch Urlaub drauf. Das ist gerade für berufstätige Familienväter gar nicht so einfach", warnt Houben.

Volle Zustimmung gibt's in diesem Punkt von Timo Pastoors, Trainer des GSV Geldern: "Zwei Blöcke zu jeweils acht Einheiten sind nur sehr schwer mit Familie und Arbeitgeber in Einklang zu bringen. Da muss verdammt viel Urlaub geopfert werden." Dennoch wagt sich Pastoors an die Lizenz heran - die Eignungsprüfung hat er bereits erfolgreich hinter sich gebracht.

Der Verband nimmt sich die Kritik durchaus zu Herzen. Thomas Klingen: "Auf die zeitliche Problematik haben wir soeben erst im Ausschuss reagiert. Wir planen Ausbildungen an dezentralen Stellen und wollen die Kurse auf Wochenenden verteilen."

Jörg Hegmans hatte von der Neuregelung noch nichts gehört und konzentriert sich zunächst einmal voll darauf, mit dem SV Walbeck den Bezirksliga-Klassenerhalt zu schaffen. Bislang hat er jedenfalls noch nicht mit dem Gedanken gespielt, für die B-Lizenz zu büffeln.

Die Kosten sind für alle Bewerber gleich. Ganz gleich, ob Motivator oder Laptop-Trainer - wer sein Wissen hochoffiziell nachweisen möchte, muss rund 1000 Euro zahlen. Diese Summe gibt nur ganz selten Anlass zu Kritik, wie Klingen aus langjähriger Erfahrung weiß. Er ist allerdings überrascht, dass viele der Betroffen immer noch nichts von der Neuregelung wissen. Schon seit 2015 informiere der Verband die Vereine in der Region "gebetsmühlenartig".

Die gute Nachricht zum Schluss: Im Umgang mit seinen Arbeitern und Taktikfüchsen an der Basis wird der FVN im Zweifelsfall ein Auge zudrücken. Klingen: "Im ersten Jahr gibt's eine Ausnahme und Übergangsregelung. Das machen wir allein schon mit Rücksicht auf die Aufsteiger in der betreffenden Saison."

Fazit: Die Vorschrift kommt. Doch die Experten an der Linie haben noch bis zu drei Jahre Zeit, ihr theoretisches Wissen aufzufrischen. Ob das Punktekonto der jeweiligen Mannschaften davon profitiert, bleibt abzuwarten. Schließlich behält der oberste Fußball-Lehrsatz seine Gültigkeit: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

Quelle: RP
 
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