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Geldern
Streitfall Kindeswohl

Geldern: Streitfall Kindeswohl
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Geldern. Steigende Sorgerechtsentziehungen durch Familiengerichte sorgen nicht nur für mehr Arbeit beim Jugendamt. Auch die Kosten steigen. Dabei lautet das Ziel: Eltern und Kinder so lange wie möglich zusammen lassen. Von Andreas Buchbauer

Die Zahl der Sorgerechtsentziehungen ist drastisch gestiegen. Helmut Holla, Leiter des Jugendamtes Geldern, bestätigt diesen Trend. Etwa 80 Vormundschaften habe sein Amt derzeit. "Das ist mehr als in den vergangenen Jahren", sagt Holla.

In den 80 Fällen sind Beschlüsse des Familiengerichts zum vollständigen oder teilweisen Entzug des elterlichen Sorgerechts zusammengefasst. Die steigenden Zahlen bedeuten nicht nur ein Mehr an Arbeit für die Mitarbeiter des Jugendamtes.

Auch der Haushalt wird stärker belastet: Laut Holla lag der Etat für "Jugendhilfemaßnahmen in und außerhalb von Einrichtungen" vor drei Jahren noch bei 3,3 Millionen Euro. Für dieses Jahr sei er mit rund 4,7 Millionen Euro veranschlagt.

Jede Woche ein Fall

Die Zahlen verdeutlichen: Immer mehr Eltern scheinen mit der Erziehung ihrer Kinder überlastet. Im Schnitt bekommen Holla und Walburga Bons, Leiterin des Pädagogischen Dienstes, jede Woche einen Verdachtsfall gemeldet, dass ein Kind von Verwahrlosung bedroht sei. Zwar handelt es sich dabei auch immer mal wieder um falschen Alarm. Doch häufig muss das Jugendamt auch einschreiten. Für alle Beteiligten beginnt dann kein leichter Weg.

Für die Eltern bedeutet die Inanspruchnahme des Jugendamtes auch das Eingeständnis, dass sie Hilfe benötigen. Meist handelt es sich um sozialpädagogische Hilfen im ambulanten Bereich. "Da geht es zum Beispiel um Konsequenz im Erziehungsverhalten", sagt Bons. In anderen Fällen mangele es schon daran, dass die Eltern den Haushalt geregelt bekommen. Wo sich der Müll stapelt, kann sich auch kein Kind entfalten.

Das Jugendamt möchte Hilfestellung geben. Ziel ist, dass überforderten Eltern Wege aufgezeigt werden, wie sie die Erziehung meistern können. "Wir versuchen, Kinder und Eltern so lange wie möglich zusammen zu lassen", sagt Bons. Dennoch haben ihre Kollegen oft mit der Mär zu kämpfen, das Jugendamt entziehe das Sorgerecht. "Das ist ein Irrglaube", stellt Bons klar. "Das Sorgerecht kann nur durch ein Familiengericht entzogen werden."

Vor Gericht häufen sich die Fälle. In Nordrhein-Westfalen wurde das Sorgerecht im vergangenen Jahr in 3556 Fällen entweder vollständig oder teilweise entzogen. Das entspricht einer Steigerung von 10,8 Prozent im Vergleich zu 2008.

Das teilt das Statistische Landesamt mit. Helmut Holla sieht jedoch nicht allein eine zunehmende Überforderung von Eltern als Ursache. Gerichte und Gesellschaft seien auch zunehmend sensibilisiert. Bedeutet: Möglicherweise werden Fälle von Verwahrlosung und drohendem Schaden für das Kind schneller öffentlich als früher.

Quelle: RP
 
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