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Geldern
Tanzen liegt im Trend

Geldern: Tanzen liegt im Trend
FOTO: van Offern, Markus (mvo)
Geldern. Heute ist Welttag des Tanzes. Damit erinnert die Unesco an Jean-Georges Noverre. Der französische Tänzer und Choreograph, geboren 1727, gilt als Begründer des modernen Balletts. Fast 290 Jahre später ist der Tanz nicht nur bei kleinen Kindern beliebt, auch immer mehr Erwachsene bleiben bei der Stange. Ein Trend - auch im Kreis Kleve. Von Julia Lörcks

Man kommt sich so elegant vor. Wenn Eva Reul übers Ballett spricht, dann kommt sie aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: "Die Musik, die Bewegung, die Körperhaltung - das alles macht unheimlich Spaß." Wer nun denkt, Eva Reul ist eine junge Primaballerina, der irrt. Reul ist 49 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder und kommt aus Kevelaer. Vor 13 Jahren - mit 36 - hat sie wieder angefangen, Ballett zu tanzen. Zuerst als einzige Erwachsene unter vielen Kindern. Jetzt als eine unter vielen in der Hobby-Gruppe für Erwachsene der Ballettschule Pascall in Kevelaer.

Bis zu 16 Ladys, wie Inhaberin Nicola Pascall aus England sie liebevoll nennt, tanzen dort Woche für Woche zu klassischer Musik. "Manche haben schon als Kind getanzt und haben lange nach einer passenden Gruppe für Erwachsene gesucht. Andere haben noch nie Ballett getanzt und erfüllen sich nun einen Kindheitstraum", sagt Pascall. So wie Bianca Zorn, 41 Jahre alt aus Kevelaer. Sie hat vor zwei Jahren angefangen, Ballett neu zu lernen und sagt heute: "Ich liebe diese Art von Bewegung, ich lerne meinen Körper ganz neu kennen und wenn ich nach dem Training nach Hause komme, bin ich einfach nur glücklich." Damit ist sie nicht allein.

FOTO: van Offern, Markus (mvo)

Ein Trend? "Ja", sagt Tobias Ehinger (36). Der Profitänzer ist Manager der Ballettkompanie Dortmund und des NRW-Juniorballetts sowie Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der Tanzpädagogik. Er weiß: Sowohl die Zuschauerzahl an den deutschen Theatern, als auch die Anzahl der Menschen selbst, die tanzen, geht seit Jahren nach oben. Bei Kindern und Erwachsenen, selbst von Senioren-Gruppen habe er schon gehört. Die steigende Nachfrage am klassischen Tanz, dessen Begründer Jean-Georges Noverre heute vor 289 Jahren geboren wurde, begründet Ehinger so: "Ballett ist eine Kunstform, die keine Sprach- und Kulturgrenze kennt. Es ist eine moderne Form der Integration. Zudem gehört die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper zum Zeitgeist."

Nicht das erste Mal. Denn Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre lag Ballett schon einmal im Trend. Damals wurde die Serie "Anna" ausgestrahlt. Millionen von Mädels verfolgten 1987 vor dem Fernseher und ein Jahr später auch auf der Leinwand das Schicksal der jungen Balletttänzerin Anna Pelzer, die bei einem Autounfall mit ihrem Bruder Philipp eine Wirbelsäulenverletzung erlitt. Davon ließen sich viele Mädchen anstecken. Ballett boomte.

Daran erinnert sich Daniel Hütten nur zu gut. Die Ballettschule seiner Mutter, zu dieser Zeit noch am Königsgarten in Kleve beheimatet, platzte Ende der 80er Jahre aus allen Nähten. "Auf einmal wollten alle Ballett lernen", sagt Hütten. Bis zu 250 Schüler strömten damals in die kleine Schule. Heute sind es am neuen Standort an der Siegertstraße fast 200 Schüler zwischen vier und 60 Jahren. Eine Gruppe für Erwachsene ist fest in Planung. "Wenn sich genug Interessenten melden, starte ich donnerstags einen neuen Kursus. Bisher tanzen die Älteren bei den Jugendgruppen mit", sagt Hütten, der selbst einmal Profitänzer war und 2010 die Schule seiner Mutter Manuela übernommen hat.

An "Anna" erinnert sich auch Susanne Boese aus Weeze gern. Die 39-Jährige durfte als Kind nicht zum Ballett, hat sich dann aber als Erwachsene bewusst für den klassischen Ausdruckstanz entschieden. Das war vor zwei Jahren. "Manche belächeln mich dafür, viele finden es aber richtig cool", sagt Boese. Sie selbst weiß, dass sie keine Solotänzerin mehr wird. Auch Nicola Pascall, die an der Stella Man School of Dance in London Ballett gelernt und die Lehrpläne der Royal Academy of Dance nach Kevelaer gebracht hat, sagt übers Hobby-Ballett: "Ballett für Erwachsene ist anders als eine Stunde mit meinen fortgeschrittenen Schülern. Da muss man manchmal ein bisschen die Augen schließen." Pascall lacht. Im Unterricht heißt es dann: "Haben wir das schon einmal gemacht? Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern."

Aber auf Perfektion kommt es zumindest beim "Hobby-Ballett für Erwachsene" auch gar nicht so an. Auf Disziplin, Bewegung, Körperhaltung, Eleganz und Anmut umso mehr. Zuhören, hinschauen, nachtanzen. "Am Anfang wusste ich gar nicht, wo mir der Kopf steht - bei all den deutschen, französischen und englischen Begriffen zugleich", sagt Zorn. Mittlerweile weiß sie aber, was Plié, Pique und Pirouetten sind. Und was für Kinder vielleicht mühsam und strapaziös ist, kann Erwachsene vom Alltagsstress befreien. "Es entspannt, obwohl es anstrengend ist", sagt auch Stephanie Franke (44) aus Kevelaer. Sie hat von acht bis 16 Ballett getanzt und ist vor einem Jahr wieder damit angefangen. Das Schöne daran, sagt sie: "Wenn ich tanze, bin ich ganz bei mir."

Quelle: RP
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