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Geldern
Top-Zeugnis und Angst vor Abschiebung

Geldern: Top-Zeugnis und Angst vor Abschiebung
Der 15-jährige Nesar Ahmad Aliyar aus Afghanistan hat ein Zeugnis voller Einsen. Sein nächstes Ziel ist das Abitur. FOTO: Gerhard Seybert
Geldern. Nesar Ahmad Aliyar ist erst seit zwei Jahren in Deutschland. Der 15-Jährige hat dennoch einen Super-Notendurchschnitt von 1,2, er ist einer der zwei Jahrgangsstufenbesten. Er will Medizin studieren. Ob er bleiben darf, weiß er aber nicht. Von Bianca Mokwa

Notendurchschnitt 1,2. "Das ist schon super-phänomenal", sagt Klassenlehrerin Sabine Stüve von der Gelderner Realschule an der Fleuth. Und wer die Geschichte dahinter kennt, weiß, warum. Nesar Ahmad Aliyar ist erst seit zwei Jahren und ein paar Monaten in Deutschland.

Bis auf Deutsch, Englisch und Erdkunde hat er überall ein "sehr gut" auf dem Zeugnis stehen. Gut, Deutsch ist auch nicht seine Muttersprache, sondern Dari und Pashto. Nesar kommt aus Afghanistan. Er ist geflüchtet. Auf vielen Umwegen ist er nach Deutschland gekommen. Zu seinem Vater, der seit 2011 in Deutschland lebt und den er viele Jahre nicht gesehen hatte. Die Mutter und die jüngere Schwester leben nicht mehr.

Nach der Familienzusammenführung kam der Neueinfang, ein Stück Alltag, nämlich das Schulleben. Kaum drei Tage hier, ging es für ihn zur Realschule an der Fleuth. "Es war Schuljahresende", erinnert er sich. "Viele haben gute, andere aber auch schlechte Noten bekommen." Er habe sich gefragt, wie das erst bei ihm werden soll, wenn schon Schüler, die Deutsch sprechen, schlechte Noten haben. Als erstes hat er sich ein Jahr zurücksetzen lassen. Er hätte in Klasse 10 gekonnt, fing aber mit Klasse 9 an. "Der hat sich so ins Zeug gelegt", erinnert sich seine Klassenlehrerin Sabine Stüve. Der 15-jährige Nesar Ahmad Aliyar hat ein klares Ziel vor Augen. "Ich möchte gerne Arzt werden, um Menschen zu helfen. Medizin zu studieren ist ohne Deutschkenntnisse nicht möglich." Er habe sich Tag und Nacht Mühe gegeben, keine Zeit verschwendet. Auf seinem vorherigen Zeugnis hatte er in Kunst noch eine "Vier". "Am Anfang habe ich im Kunstunterricht immer Mathe gemacht", erklärt er. "Aber als ich die Note gesehen habe, habe ich mir Mühe gegeben."

Vieles war neu für ihn. "Zuerst war es schwer für mich, denn es ist eine ganz andere Kultur", sagt der Schüler. Zum ersten Mal war er zum Beispiel mit Mädchen in einer Klasse. Und auch der Umgang mit den Lehrern ist ein ganz anderer als in seiner Heimat. "Hier machen die Schüler Witze und sind nicht so richtig leise. Bei uns wäre das eine respektlose Aktion gegen Lehrer."

"Er ist von seiner Art her ein sehr zurückhaltender und freundlicher Mensch", beschreibt ihn seine ehemalige Klassenlehrerin.

Auch für sie und die Klasse bedeutete es etwas Besonderes, einen Flüchtling in der Gemeinschaft zu haben. "Die Klassenkameraden haben mich auch oft gefragt, wie es in meinem Land war", sagt Nesar Ahmad Aliyar.

Seine Klassenlehrerin Sabine Stüve nimmt die Nachrichten im Fernsehen nun anders wahr. "Natürlich berührt es einen, dass so ein junger Mensch einem in solchen Erfahrungen, die mit Tod, Hunger und Krieg zu tun haben, voraus ist", sagt sie. Über zwei Jahre hat sie seinen Weg mitverfolgt, ihn begleitet. "Er möchte sich integrieren, ohne seine eigene Identität aufzugeben, und das macht er gut. Hier studieren, das wird er auch schaffen."

Aber erst einmal macht Nesar Ahmad Aliyar sein Abitur am Berufskolleg der Liebfrauenschule. Ein Biologiebuch, ein Taschenrechner und ein Buch über Ernährungswissenschaften liegen schon beim Ehepaar Neuer aus Geldern bereit. In Mathematik hat Kurt Neuer den 15-Jährigen begleitet. "Ein bisschen, es waren nur Kleinigkeiten", winkt Neuer ab. Natürlich bewege ihn das Schicksal "wenn man das Menschenkind persönlich kennt". Denn noch ist nicht sicher, ob Nesar Ahmad Aliyar bleiben darf. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. "Ich habe meine Zeugnisse gezeigt, aber es spielt keine Rolle, die Integrationsbemühungen werden nicht berücksichtigt", sagt der Schüler mit dem Notendurchschnitt 1,2, und Enttäuschung schwingt in seiner Stimme mit. "Ich habe auch in den Nachrichten gehört, dass viel Schlimmes über Ausländer erzählt wird. Ich möchte auch die Meinungen von Menschen ändern. Ich möchte zeigen, dass es Menschen gibt, die sich für dieses Land interessieren."

Kurt Neuer sagt: "So jemand braucht unser Land."

Quelle: RP
 
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