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Kerken
Traditionsbäckerei Hetges schließt

Kerken: Traditionsbäckerei Hetges schließt
Rechts: Johann Hetges mit zwei Bäckergesellen in seiner Backstube. Das Foto entstand um 1931. Unten ist Hanni Hetges in ihrem Element, im Verkaufsraum der Bäckerei und Konditorei auf der Krefelder Straße 6. FOTO: privat, RP-Foto: Seybert
Kerken. Die einzige noch bestehende Ur-Nieukerker Bäckerei ist ab heute zu. Mit ihren 87 Jahren hat Hanni Hetges bis zum Schluss die Kunden bedient, Sohn Hans stand in der Backstube. Ein Rückblick. Von Bianca Mokwa

Es liegt der Duft von süßem Weißbrot in der Luft und ein Hauch von Abschied. Silke Bomsien holt das für sie zurückgelegte Brot ab. "Den Gefrierschrank noch mal voll machen, was reinpasst", sagt sie. Wie ihr ging es wohl vielen Nieukerkern. Denn die Bäckerei Hetges, die einzige, die von den alteingesessenen Traditionsbäckereien in Nieukerk noch übrig war, schließt. "Ich finde das schade", sagt Silke Bomsien, die gemeinsam mit Monika Bollen zuletzt hinter der Theke gestanden hat und damit Hanni Hetges unterstützt hat. Die ist 87 Jahre alt und "das Gesicht der Bäckerei Hetges". So drückt es Maria Koelen aus. Sie hat sich eingehend mit der Geschichte der Nieukerker Bäckereien beschäftigt. Das Interesse kommt aus der eigenen Familiengeschichte. "Mein Vater war auch Bäcker", sagt Maria Koelen. Im Flur des Hauses hängen noch Fotos von der Bäckerei Koelen auf der Krefelder Straße 48. Heute ist dort ein Blumenladen.

Die Bäckerei Hetges ist auch auf der Krefelder Straße. Es ist das Gebäude mit der großen Glasfront und der Nummer 6. Die Bäckerei wurde in der dritten Generation betrieben. Als Gründer der Bäckerei gilt Johann Hetges. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Heinrich betrieb er eine Bäckerei. Auf einer alten Visitenkarte findet sich ein flotter Werbespruch des Unternehmens. "Willst ein gutes Brot Du essen, musst Du ,Schäng Hetges' nicht vergessen!", heißt es dort. Schäng ist der Spitzname für Johann. "Auf Johann folgten Hans und sein Enkel gleichen Namens", vervollständigt Maria Koelen die Familiengeschichte. Bei ihrer Recherche hat sie einen regen Betrieb vom Bäckerwesen in ihrem Heimatdorf aufgetan. "Vor rund 70 Jahren gab es hier in Nieukerk mal zwölf Bäckereien. Alles kleine Familienbetriebe, wo außer dem Bäckerehepaar weitere Familienmitglieder mitarbeiteten, zum Beispiel die Oma oder eine Tante", schreibt sie über die Historie.

"Die kleinste ist noch geblieben", sagt Hanni Hetges. Nie habe es von Hetges eine Filiale in einem anderen Ort gegeben. Sie und ihr Sohn hören nicht auf, weil sie müssen, sondern aus Altersgründen. Ihr Sohn wird in diesem Jahr 65 Jahre alt, sie steht seit 65 Jahren hinter der Theke. "Es ist doch eine Beruhigung, dass wir nicht zumachen müssen, es ist nicht so, dass das Geschäft nicht läuft." Das muss sie nicht zweimal sagen. Einen Tag vor der Schließung steht das Telefon nicht still. Immer wieder kommen Leute in den Laden und bestellen noch einmal ihr Lieblingsbrot. "Ein Kraftkorn, ein Rosinen", sagt Hanni Hetges, nickt und schreibt die Bestellung auf. "Im Rosinenbrot, da sind immer gut Rosinen drin. Nicht einfach so ein paar Rosinen drin geschossen", sagt sie in ihrer herzlichen, direkten Art und holt ein Brot aus der Auslage. Und der Bienenstich war der Renner, wegen der Füllung, "keine so dicke Creme", sagt sie. Ach ja, und die Zöpfe. "Die letzten Tage sind die schwersten", sagt sie noch, mehr nebenbei. Und: "Mein Hobby war dieses Haus, sonst nichts."

Auch Verkäuferin Silke Bomsien ist anzumerken, der Abschied fällt schwer. Was sie vermissen wird? "Alles, die leckeren Sachen, die Atmosphäre, die Herzlichkeit, das Nette", zählt sie auf und wirft einen Blick auf Hanni Hetges. "Und Sie." Die nickt wissend. "Familienbetrieb", sagt sie noch. Eine Kundin kommt rein. Sie bestellt noch ein Brot und fragt nach: "Und dann ist Ende?" Am 31. Mai war der letzte Tag. "Einen wohlverdienten Ruhestand", wünscht die Kundin. Ab heute bleibt die Tür der Bäckerei und Konditorei Hetges geschlossen.

Quelle: RP
 
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