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Interview: Andreas Kruse
Von 1 auf 700 Sänger in Gelderns Aula

Geldern. Erstmals findet am Lise-Meitner-Gymnasium ein Offenes Singen für Grundschüler statt. Unterstützt werden sie vom Mittelstufenchor und der Bläserklasse. Musiklehrer Andreas Kruse erklärt die positiven Nebenwirkungen.

Noch ist die Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums leer. Das soll sich am 10. Dezember radikal ändern. Was ist an diesem Tag geplant?

ANDREAS KRUSE Hier passiert was, denn knapp 700 Schüler werden an dem Tag gemeinsam Musik machen. Die Reihen im Saal werden voll besetzt sein und auf der Bühne stehen der Mittelstufenchor und unsere Bläserklasse. Erstmals wird ein Offenes Singen für Grundschüler stattfinden.

Wie kam es zu der Idee?

KRUSE Es soll ein Angebot sein, bei dem die Schüler erleben, wie es ist, gemeinsam Musik zu machen. Früher war so etwas alltäglich, zum Beispiel in Familien. Heute erleben Kinder und Jugendliche Musik ja oft nur noch per Knopfdruck, wenn sie die auf ihrem Smartphone hören.

Wer wird beim Offenen Singen mit dabei sein?

KRUSE Ich habe in 14 Grundschulen in Geldern und Umgebung das Projekt vorgestellt. Angesprochen sind Schüler der 3. und 4. Klasse. Drei Gelderner Grundschulen, sowie die Grundschulen aus Alpen, Veert und Kapellen haben zugesagt. Mit einer solchen Resonanz hatten wir für das erste Mal gar nicht gerechnet. Erwartet hätten wir 200 bis 300 Schüler, jetzt wurden es 600. Mit unseren Musikern und Sängern kommen wir dann auf fast 700 junge Menschen, die gemeinsam Musik machen. Das sollte schon einen schönen Klang geben.

Wie sieht die Vorbereitung aus? Gibt es vorher Proben oder werden die Kinder am 10. Dezember quasi ins kalte Wasser geworfen?

KRUSE Wir haben für das Offene Singen Liederhefte vorbereitet, die den Schulen, die mitmachen, vorliegen. So kann schon vorab geübt werden. In dem Heft sind 15 Lieder, das längste hat sechs oder sieben Strophen. Da ist schon auch für die Bläserklasse Kondition erforderlich.

Wie sieht das Repertoire aus? Sind das alles schon Weihnachtslieder?

KRUSE Nein, da hätte ich allein in meiner Funktion als Lehrer der katholischen Religion Skrupel. (lacht) Stattdessen gibt es zum Teil eine Auswahl an vorweihnachtlichen Liedern, zum Beispiel "Dezemberzeit-Wartezeit" oder "Dicke rote Kerzen". Es war schon ein merkwürdiges Gefühl mit der Bläserklasse diese Lieder bereits im August zu üben. (lacht) Aber es passte ja zum Angebot in den Supermärkten.

Welche Richtung haben die anderen Lieder?

KRUSE Die andere Hälfte der Lieder ist unabhängig von der Vorweihnachtszeit, darunter sind sogar zum Beispiel zwei Volkslieder.

Das ist mutig.

KRUSE "Kein schöner Land" hört sich von der Bläserklasse toll an, ebenso "Es führt über den Main eine Brücke von Stein". Der Musiker Christian Klaessen, der unter anderem lange für High Fidelity arrangiert hat, hat das Stück klasse für uns umgesetzt.

Gab es schon erste Reaktionen der Schüler?

KRUSE (schmunzelt) Ja, die gab es. "Herr Kruse, warum müssen das immer so Ohrwurmmelodien sein?" lautete eine Reaktion.

Wie lautete Ihre Antwort?

KRUSE Es geht mir auch um Nachhaltigkeit. Die Musik muss ja nicht nervig sein, aber es sollen schon schöne Melodien sein, die einfach eingängig sind.

Nachhaltigkeit - geht es bei dem Offenen Singen nicht auch um mehr als nur Musik an sich?

KRUSE Es geht darum, etwas neu aufzugreifen, was in manchem Kinderalltag schon fast in Vergessenheit geraten ist, nämlich dass es Spaß macht die eigene Stimme zu benutzen, und nicht nur auf den Play-Knopf zu drücken, wenn ich Musik hören möchte. Ich möchte die Kultur von Gesangs- und Musikpraxis wieder aufgreifen und auch die Wahrnehmung von Musik wieder bewusster werden lassen.

Macht Musik nicht auch intelligent? KRUSE Es gibt zwar Studien dazu, aber nur weil Kinder musizieren, können sie nicht automatisch besser rechnen. Darum geht es auch weniger beim Offenen Singen. Die Kinder sollen erst einmal erfahren, dass Singen Sinn und Freude machen kann, gerade in einem Zeitalter, indem sie das oft nur noch passiv erleben. Das gemeinsame Singen wirkt sich aber oft auch in emotional-sozialer Hinsicht positiv aus.

Wie ist das denn bei Ihnen zu Hause? Wird viel gesungen?

KRUSE (schmunzelt) Das hängt natürlich von der Tagesform ab und man muss ja auch Rücksicht auf die anderen Familienmitglieder nehmen. Aber wenn wir unser Kind zu Bett bringen, finde ich es wunderschön, gemeinsam zu musizieren, zu singen. Meine Frau und ich haben in unseren Familien Musik als extrem wertvoll und schön erfahren.

Gibt es denn ein nächstes Mal für das Offene Singen, also auch über den 10. Dezember hinaus?

KRUSE Wenn es eine schöne Veranstaltung wird, kann ich mir vorstellen das Offene Singen weiter auszubauen, vielleicht auch inklusiv zu arbeiten, etwa Schüler von Förderschulen mit ins Boot zu holen. Auf der Empore der Aula ist noch Platz, so dass wir insgesamt 700 bis 800 Schüler, plus die auf der Bühne, unterbringen könnten. Aber der 10. Dezember ist mal ein erster Versuch.

DIE FRAGEN STELLTE BIANCA MOKWA.

Quelle: RP
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