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Geldern
Vor 50 Jahren stürzte Reeser Brücke ein

Geldern. Heute vor 50 Jahren stürzte ein Teilstück der im Bau befindlichen wichtigen Schrägseilbrücke ein. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Der Schaden wurde auf knapp drei Millionen Mark beziffert.

Leo Lütgert hat vergessen, warum er am 24. November 1966 zu Hause war und nicht arbeiten musste. Aber er weiß noch genau, welche Nachricht sich an jenem Donnerstag wie ein Lauffeuer in Rees verbreitete: "Die Rheinbrücke ist eingestürzt!" Genauer: ein 95 Meter langes Teilstück der im Bau befindlichen Schrägseilbrücke, deren Grundstein anderthalb Jahre zuvor gelegt worden war. "Ich sprang sofort auf die Fiets und fuhr zur Wardstraße, aber die Polizei hatte die Unglückstelle schon weiträumig abgesperrt", so Lütgert, damals 35. "Alle hatten Angst, dass noch weitere Teile der Brücke einstürzen und Menschen verletzt werden könnten."

Es blieb beim Sachschaden, der später mit knapp drei Millionen Mark beziffert wurde und die Einweihung der Rheinbrücke Rees-Kalkar um ein halbes Jahr verzögerte. Wie morsches Holz sei das Brückenstück mit ohrenbetäubendem Lärm zusammengeknickt, gaben die Bauarbeiter später zu Protokoll. Ein Stück der Vorlandbrücke brach in zwei Teile. Die gewaltige Stahl- und Betonmasse legte sich wie ein Dach über einen der Pfeiler. Direkt darunter arbeiteten zwei Männer, die reflexartig aufs freie Feld gerannt waren. Ein dritter Bauarbeiter stand oben auf der Fahrbahn, die plötzlich vor seinen Füßen verschwand und auf die Rheinwiese krachte.

Das Unglück ereignete sich, als die Hilfsstützen unter der Brückenfahrbahn beseitigt werden sollten. Auf der linken Rheinseite hatte das zuvor problemlos funktioniert, auf der rechten Rheinseite rutschte bei diesem Standardvorgang eine Lagerrolle aus ihrer Position. Grund dafür waren offenbar Temperaturschwankungen: Oben auf der Fahrbahn herrschte eine andere Temperatur als unterhalb der Konstruktion. Dadurch geriet das Teilstück in Bewegung und zerbrach. "Die Zeitungen, das Radio und auch das Fernsehen berichteten über den Einsturz", sagt Leo Lütgert. "Während die Ermittlungen liefen, gab es einen Baustopp, zumal auch die Trümmer abtransportiert werden mussten." Erst nach zwei Wochen ging der Brückenbau weiter.

"Für uns war es damals eine Sensation, dass eine Kleinstadt wie Rees überhaupt eine eigene Rheinbrücke bekam", sagt Leo Lütgert. "Wesel und Emmerich hatten schon eine. Wir mussten entweder dorthin fahren oder die Fähre nutzen, die bei Dresen abfuhr." Fachleute bezeichnen die Rheinbrücke Rees-Kalkar als "zweihüftige Schrägseilbrücke" mit vier stabförmigen Pylonen. Entworfen und geplant hat sie Diplom-Ingenieur Hellmut Homberg (1909-1990). Von ihm stammen unter anderem auch die Rheinbrücken in Emmerich, Köln-Rodenkirchen, Leverkusen, Bonn-Nord und Neuwied, aber auch Brücken in Paris, Vancouver und Bangkok.

Die Reeser Rheinbrücke kostete 23 Millionen Mark und wurde bei Stromkilometer 838,65 gebaut. Die Grundsteinlegung erfolgte am 27. April 1965 auf der linken Rheinseite. Nordrhein-Westfalens damaliger Ministerpräsident Franz Meyers, der Reeser Bürgermeister Johann Meisters und sein Kalkarer Amtskollege Hermann Theißen ließen eine verschweißte Kupferkapsel in das Betonfundament ein. Diese enthält bis heute eine Urkunde, die Rees, Kalkar und das Miteinander der Gemeinden lobt: "Rees ist auch nach vollendetem Wiederaufbau weithin gerühmt wegen seiner reizvollen Lage am Rhein. Kalkar hat durch die historischen Bauten von St. Nicolai und Rathaus sein mittelalterliches Antlitz bewahrt.

Schon oft bestand hier in Kriegszeiten eine provisorische Brückenverbindung zwischen beiden Ufern. Mögen der Bau dieser 987,5 Meter langen Schrägseilbrücke und die spätere Nutzung nur friedlichen Zwecken dienen, sodass die Rheinbrücke Rees-Kalkar Symbol des guten Willens und des Friedens ist."

Die offizielle Übergabe an den Verkehr erfolgte am Samstag, 20. Dezember 1967, durch den damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke. Zum 50-jährigen Jubiläum der Einweihung plant die Stadt Rees eine Ausstellung, mit deren Vorbereitung Stadtarchivarin Tina Oostendorp bereits begonnen hat. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Rees (VVV) hofft, die Rheinbrücke pünktlich zum Jubiläumsjahr beleuchten zu können.

Die 45.000 Euro für den Kauf und das Anbringen von zwölf Lichtquellen liegen, wie berichtet, schon länger bereit, doch die notwendigen Genehmigungen stehen weiter aus. Die Weseler Rheinbrücke wird bereits seit März 2012 beleuchtet, die Emmericher Rheinbrücke knipste am 3. September 2015, dem 50. Jahrestag ihrer Einweihung, die Lichter an.

VON MICHAEL SCHOLTEN

Quelle: RP
 
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