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Sabine Heimann
Was Martin Luther uns heute zu sagen hätte

Sabine Heimann: Was Martin Luther uns heute zu sagen hätte
Martin Luther hat für die Rückbesinnung auf die Bibel gesorgt. Für Pfarrerin Sabine Heimann sind seine Thesen nach wie vor aktuell. FOTO: Seybert
Geldern. Am 31. Oktober feiern die evangelischen Christen den Reformationstag. Luthers 95 Thesen sind aktuell. Wahrer Schatz der Christen ist Jesus.

Wofür steht der Reformationstag?

Heimann Damals, 1517, ist massive Kirchenkritik an der Institution Kirche geübt worden, weil viele Dinge vorkamen, die nicht mehr biblisch begründbar waren.

Zum Beispiel?

Heimann Zum Beispiel der Ablass, das bedeutet, dass die Menschen durch Geld die Sündenvergebung bekommen konnten, durch den Kauf eines Ablassbriefes. Martin Luther beklagt in seinen 95 Thesen, dass dann niemand mehr seine Sünden bereut, bekennt und sagt: Ich will was anderes machen. Stattdessen fuhren die Menschen in den Nachbarort und suchten einen der herumreisenden Ablassverkäufer auf.

Wie kam es zu der Vorstellung?

Heimann Es passiert, dass Traditionen oder Gebräuche eine Eigendynamik entwickeln und wichtiger werden als der eigentliche Kern.

Und was wollte Luther?

Heimann Luther sagt: Guckt genau hin, was steht in der Bibel, und dann entscheidet, wie ihr euren Glauben lebt. Ich glaube, wenn man die Bibel genau liest, ist sie ein Schatz, der leider so oft in Vergessenheit gerät. Klar ist es manchmal mühsam, in der Bibel zu lesen. Es gibt aber so schöne neue Übersetzungen, zum Beispiel kommt im Jubiläumsjahr der Reformation eine neue revidierte Luther-Übersetzung heraus.

Luther-Übersetzung, was ist das Verdienst Luthers an der Bibel?

Heimann Es war ein guter Moment der Geschichte, als sein Fürst Friedrich der Weise ihm Rückendeckung gegeben hat, ansonsten wäre Luther als Ketzer auf dem Scheiterhaufen gelandet. Es war Luthers berühmte Flucht auf die Wartburg. Er hat die Zeit genutzt und die Bibel übersetzt. Plötzlich gab es die Bibel auf Deutsch, für alle.

Was änderte sich dadurch?

Heimann Damit hat er den Menschen das Evangelium zugänglich gemacht, damit jeder daraus Glaubenskraft schöpft, die Menschen ihren Glauben selbst gründen können und eigenständig vor Gott treten. Das war revolutionär und etwas, was Luther auch heute noch den Leuten sagen würde: Es gibt keinen Menschen, der sich zwischen euch und Gott stellen kann. Jeder einzelne Mensch steht selbstständig vor Gott.

Warum ist Luther auf die Idee gekommen, gegen das kirchliche System zu wettern?

Heimann Luther war in Rom gewesen und hat das kalte Grausen bekommen über diese Pracht. Er ist darüber ins Zweifeln gekommen. Den Petersdom so prunkvoll bauen zu lassen von dem Geld der kleinen Leute, das war das Gegenteil von dem, was Luther glaubte. Ich denke, beim heutigen Papst Franziskus hätte Luther vielleicht gesagt: Mit dem kann man was machen. Er hat ein Gespür für die armen Menschen und diejenigen, die Sündenvergebung brauchen.

Was würde Luther uns heute mit auf den Weg geben?

Heimann Auch heute müssen wir uns die Frage, oft auch von Jugendlichen, stellen lassen: Wie lebt ihr eigentlich euren christlichen Glauben? Ich sehe das Hauptproblem darin, dass unsere Gesellschaft sehr stark in eine Individualisierung hineingegangen ist. Es gibt strukturierte Verflechtungen in unserer globalisierten Welt, in denen Unrecht oft unbewusst begangen wird, zum Beispiel, wenn ich versuche, so billig wie möglich einzukaufen, Näherinnen in Bangladesch oder Pakistan unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten müssen, nur damit wir für unser T-Shirt fünf Euro bezahlen. Es ist gut, da ein neues Bewusstsein zu schaffen, Gutes zu tun statt eine "Ist-mir egal-Einstellung".

Aber Gutes tun allein reicht nach der christlichen Ansicht und auch nach Luthers Lehre nicht, oder?

Heimann Weder der Ablassbrief noch die gute Tat bringen das Heil, sondern der Glaube allein. Wenn mein Glaube an Jesus Christus lebendig ist, dann führt das automatisch zu einem veränderten Handeln. Aus dem Glauben an Jesus erwächst die gute Tat.

Was können die Grundaussagen der Reformation heute für uns bedeuten?

Heimann Selbst die Nase in das Evangelium zu stecken und darüber mit Gott und der Welt ins Gespräch kommen.

DIE FRAGEN STELLTE BIANCA MOKWA.

Quelle: RP
 
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