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Geldern
Was Mauerreste zu erzählen haben

Geldern: Was Mauerreste zu erzählen haben
Die Trümmerlandschaft des früheren Klosters Nazareth und der Spritfabrik van der Moolen am Ostwall im Jahr 1950. Im Bild sind die Reste der Klostermauern zu sehen. Das Foto stammt aus dem Buch "Illustrierte Geschichte der Stadt Geldern 1848-1969" von Heinz Bosch. FOTO: Unbekannt
Geldern. Archäologen graben weiter auf dem Gelände des Berufskollegs am Ostwall. Experten rätseln, ob die gefundenen Mauern wirklich zum Kloster Nazareth gehört haben können. Falls ja, hätten sie viel zu berichten. Ein Blick in die Geschichte. Von Sina Zehrfeld

Erst ein Ort des Glaubens, dann Schauplatz einer kriegsentscheidenden Prügelei, später Industriestandort, am Ende Elendsviertel: Das Kloster Nazareth hat in der Gelderner Geschichte viel gesehen und manches mitgemacht. Womöglich sind es seine mittelalterlichen Backsteinmauern, die jetzt im Baugrund für den "Kapuzinertor"-Einkaufskomplex zutage gekommen sind. Heinz Bosch vom Historischen Verein für Geldern und Umgegend hat sich die Grabung angesehen. Und er gewährt einen Blick zurück in die Geschichte des Klosters.

Gebaut wurde es zwischen 1440 und 1457. Im Jahr 1587 wurde darin auf denkwürdige Weise Religionsgeschichte geschrieben, weiß Bosch zu erzählen. Neun Jahre lang, von 1578 bis 1587, war Geldern unter niederländischer Herrschaft protestantisch. "Es gab keine katholische Kirche", so Bosch. Die Klöster waren von Soldaten besetzt. Und im Refektorium des Klosters Nazareth, "da fanden stets Saufgelage der Soldateska statt".

Ein solches Gelage mündete eines Tages in eine wilde Schlägerei. Beteiligt waren einerseits: der Gouverneur von Geldern, ein Mann namens Ariston Patten. Es handelte sich um einen schottischen Obristen in niederländischen Diensten. Sein Gegner: Ein berüchtigter niederländischer Adliger und Heerführer, Johann Schenk von Nideggen.

Bei diesem Streit soll der Gouverneur den Kürzeren gezogen haben. Er war vielleicht ein schlechter Verlierer. Jedenfalls lotste er der Überlieferung nach anschließend die feindlichen spanischen Truppen in die Stadt. Und mit dem Sieg der Spanier hatte ganz Geldern prompt wieder katholisch zu sein. "Eine Schlägerei hat über den Glauben in Geldern entschieden", fasst Bosch humorig zusammen.

Das Problem dabei war nur: Viele Menschen hatten da schon Gefallen an der neuen Religion gefunden, unter anderem - ausgerechnet - die Nonnen des Klosters Nazareth. Erst als man ihnen die Exkommunizierung androhte, kehrten sie widerwillig doch in ihr Haus zurück. Aber von da an war die Welt in Ordnung: Der Augustinerinnen-Orden blieb bis zur Säkularisierung im Jahr 1802.

Danach prägten im 19. Jahrhundert zwei Unternehmen das Bild des Kloster-Geländes: Die Spritfabrik der Familie van der Moolen und die Brauerei der Familie Boecker.

Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg war vom ehemaligen Kloster immerhin noch ein bisschen übrig, wenn auch gegen Ende ohne jeden Glanz. "Das Refektorium war ein wüstes Lager für einen Dachdecker", erinnert sich Heinz Bosch an die letzte Zeit. "Die Kirche war zu einem Schuppen umfunktioniert worden, das muss man sich mal vorstellen. Und ein ganzer Gebäudetrakt war ein Elendsviertel."

Er schildert Eindrücke von diesem Quartier im Bereich des Ostwalls, in dem in ehemaligen Klostergängen und -kammern die Ärmsten der Armen wohnten: Mangel an allen Ecken, Schmutz, Gestank und anhaltende Not. Bilder hat Heinz Bosch aus dieser Zeit nicht in seinem umfangreichen Archiv. Denn das einstige Klosterareal war ein unattraktives Viertel: "Demzufolge hat da auch keiner Aufnahmen gemacht." Nach den Bomben des Krieges war nur noch das heruntergekommene Refektorium des Klosters Nazareth halbwegs intakt.

Die alten Steine, die nun gefunden wurden, liegen nicht tief in der Erde. "Als die Berufsschule dort gebaut wurde, ist man zweifellos ebenfalls auf dieses Mauerwerk gestoßen", ist Heinz Bosch sich sicher. "Aber das war in einer Zeit - da spielte die Historie keine Rolle."

Die Archäologen meinen jetzt an der Machart der Steine zu erkennen, dass sie alt genug sind, um vom Kloster zu stammen. Bosch beobachtet das Ganze gespannt, hat sich auch selbst schon ein Bild von der Position der Mauerreste gemacht. "Das ist alles ein bisschen wirr und stimmt nicht mit alten Vorstellungen überein, die man mal hatte", stellt er fest. "Die Lage ist nicht so leicht mit dem Kloster zu identifizieren." Beispielsweise werde jetzt dem Anschein nach ziemlich genau dort gegraben, wo einst das Wohnhaus der Familie Boecker gestanden habe. Andererseits: Alte Karten seien halt manchmal nicht ganz exakt.

Quelle: RP
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