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Issum
Wieder laufen lernen mit "Locomotion"

Issum: Wieder laufen lernen mit "Locomotion"
FOTO: Seybert Gerhard
Issum. Nach einem Motorradunfall muss das rechte Bein von Christian Werthmanns aus Geldern amputiert werden. Sein Ziel: wieder normal laufen. Dabei hilft ihm das neue Gerät in Issum. Neue Hoffnung auch für Gelähmte und Senioren. Von Antje Seemann

Wie eine Wundermaschine sieht die "Locomotion" im Issumer Wohlfühlhaus nicht gerade aus: Ein Laufband, darüber pendelt eine Art Brustgurt als Aufhängung für die Patienten. Einer, der hier im Moment regelmäßig dran trainiert, ist Christian Werthmanns aus Geldern. Laufen abseits der "Locomotion" kommt noch nicht in Frage. Wenn er aber auf dem Laufband geht, denkt man nicht, dass er seit Monaten eigentlich auf den Rollstuhl angewiesen ist. Die Bewegungen scheinen leicht und routiniert. Seine Therapeutin hilft ab und zu und korrigiert, dass die Hüfte gerade kommt. Nach 22 Minuten ist die Sitzung vorbei. "Gute Arbeit", lobt sie.

Die Prothese an seinem rechten Bein hat Werthmanns seit Mai dieses Jahres. Wochen vorher musste sein rechter Unterschenkel samt Knie amputiert werden. Bei einem Motorradunfall im Dezember vergangenen Jahres verletzte sich der Gelderner schwer. "In einer Linkskurve bin ich gestürtzt und gegen einen Baum geprallt. Wie das passiert ist, weiß ich nicht", erzählt Werthmanns. Ein komplizierter Trümmerbruch im linken Bein, eine gebrochene Hüfte und die Verletzung im rechten Bein.

Zwölf Tage musste er auf der Intensivstation in der Klinik bleiben. "Das rechte Bein wollten die Ärzte erst noch retten. Da war dann aber eine Art Blutvergiftung drin und dann haben die das am 4. Januar abgenommen", erinnert der 38-jährige Gelderner sich.

Ohne die "Locomotion" könnte Werthmanns das Gehen noch nicht üben. Sein Körpergewicht wäre zu viel für seine Beine. "Der Arzt im Krankenhaus hat ihm gesagt, dass die in Issum ein Gerät haben, an dem ich trainieren kann. Das wollte ich ausprobieren, und das war genau das Richtige", sagt der 38-Jährige.

Die Idee dabei ist eigentlich ganz leicht: Die "Locomotion" verringert das Körpergewicht des Patienten auf dem Laufband, von Vollentlastung geht's dann langsam hin zur Vollbelastung. Aktuell trainiert Wertmanns mit 52 Kilo Körpergewicht - 20 Kilo trägt die Maschine. Werthmanns: "Der Arzt guckt natürlich nach den Brüchen, was ich an Belastung machen darf. "

Drei Mal die Woche kommt der Geldener nach Issum zum Lauftraining. "Ich will ja irgendwann wieder normal laufen können. Und das ist auf jeden Fall besser als zu liegen oder erst viel später wieder anzufangen ohne Locomotion." Allerdings habe sich Werthmanns erst einmal wieder ans Laufen gewöhnen müssen: "Zwei Monate habe ich mein linkes Bein gar nicht bewegt und dann normale Krankengymnastik gemacht. Jetzt mit der Prothese ist das vom Gang her anders, von der Belastung her. Das war anfangs gewöhnungsbedürftig, aber jetzt ist das normal."

Roland Borgmann vom Wohlfühlhaus ist überzeugt von der "Locomotion": "Wenn Christian gut trainiert, ist das Laufen fast nicht zu unterscheiden zu vorher." Für viele Patienten sei das Gerät einfach optimal. "Ohne ist das deutlich schwieriger. Durch die Locomotion hat man eine bessere Führung. Der Therapeut kann den Fuß führen, die Hüfte gerade machen. Nach einer Amputation ist das ganze Muskelkorsett aus dem Gleichgewicht. Die neuen Bewegungsmuster muss man erst mal üben." Einsatzbereiche sind eben Unfallpatienten wie Werthmanns.

Das Laufen in der "Locomotion" helfe, Thrombosen vorzubeugen, den Bewegungsablauf zu üben und das Herz-Kreislauf-System zu aktivieren, aber auch Senioren, die sich nicht mehr richtig aufrichten können, weil sie so ihre Rumpfmuskulatur trainieren. Und auch Menschen mit Adipositas, denen durch ihr zu großes Körpergewicht das Laufen schwerfällt, hilft das Gerät. Borgmann: "Durch die Entlastung können sie mal wieder Strecke machen."

Sechs Patienten trainieren aktuell an der "Locomotion" in dem Issumer Wohlfühlhaus. Einer von ihnen ist querschnittgelähmt, auch er übt auf dem Gerät laufen, erzählt Borgmann: "Bei einem inkompletten Querschnitt gibt es so Hoffnung, dass man wieder laufen kann. Das Gehirn hat Muster, wie Bewegungen ablaufen und das Gerät gibt dem Gehirn diese Bewegungsmuster. Außerdem ist es für den Patienten auch einfach ein schönes Gefühl, wieder zu laufen - wenn auch nur auf dem Laufband. Aber keiner kann sagen, wie lange das dauert."

Für Christians Werthmanns hingegen gibt es schon ein grobes Ziel: "Weihnachten will ich wieder laufen können."

Quelle: RP
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