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Wachtendonk
Wigald Boning macht Spaß mit Einkaufszetteln

Wachtendonk. Es ist schon erstaunlich, was uns ein Einkaufszettel über einen Menschen verraten kann. Die "Psychologie des Notizzettels" beherrschte Wigald Boning hervorragend. Auf Einladung der Volksbank an der Niers gastierte er im Rahmen des "Kulturherbstes" im Alten Kloster in Wachtendonk. Auf einer minimalistisch ausgestatteten Bühne, nur mit einer Leinwand für seinen Dia-Vortrag, führte er mit seinem tiefgründigen Humor das Publikum in die Geheimnisse und Geschichten der "Einkaufszettel-Schreiber" ein. Auch sein sonst sehr gewöhnungsbedürftiges Bühnen-Outfit hatte er nicht dabei. Ganz "normal" im knallroten Hemd beherrschte er die "Wachtendonker Bretter", die hier die Welt bedeuten. Von Margret Linssen

Boning sammelt, nach eigenen Erzählungen, seit 1999 diese kleinen und großen Erinnerungen, die so viel über die Menschen aussagen, die sie einmal geschrieben haben. Allein schon die Rechtschreibung auf manchen dieser Artefakte löste beim Publikum wahre Lachsalven aus. Zwischen Backpulver und Rasierklingen war alles zu finden, was der Mensch gebrauchen kann. Dabei bezog der Künstler das Publikum in das Geschehen ein. Ein wahres Ratespiel löste das Wort "Serviten" aus. Dass es sich dabei um eine neue Schreibweise von "Servietten" handelte, stellte sich schnell heraus und sorgte für die nötige Heiterkeit.

Auch die Handschriften ließen Rückschlüsse auf Alter und Herkunft der Schreiber zu. Beispielsweise von einer älteren Dame war die Notiz, die in Sütterlin verfasst war. Sie schrieb noch die Ligatur "hs" statt "ß". Ganz modern kam da das Post-it mit der Überschrift "To get" daher. Was dann kam, war eher durchschnittlich: Brot, Butter, Eier und anderes. Aus Wien stammte ein Stück, auf dem "Paradeiser" (Tomaten) eingekauft werden sollten, in Norddeutschland waren es "Rundstücke" (Brötchen), in Bayern "Semmeln". Sogar die "Schlagersüßtafel" war einer Besucherin bekannt. Dabei handelte es sich um eine Tafel Schokolade aus der ehemaligen DDR, die dort 80 Pfennige kostete und für umgerechnet fünf Deutsche Mark in Polen weiterverkauft wurde. Einer jungen, alleinerziehenden Mutter, die scheinbar mit den Nerven am Ende war, sich aber dennoch schön machen wollte, wurde ein Einkaufszettel mit Paracetamol, Johanneskraut, Kinderbrei und Make-up zugeordnet. Aus dem "Diplomaten-Milieu" stammte wohl die Notiz für die Wirtschafterin, wo nach Kalbsschnitzen verlangt wurde. Sogar eine Bestellung auf Raufaser hatte Boning in seinem Sortiment. Sein Kommentar dazu: Das muss ein Handwerker gewesen sein.

Die Situationskomik, die in den Kommentaren steckte, löste Lachsalven aus. Boning versteht es vortrefflich, mit wenig Aufwand großen Effekt zu erzielen. Er erzählt moderne Märchen auf unterhaltsame Weise und beschert damit dem Publikum eine Auszeit vom Alltag.

Quelle: RP
 
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