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Goch
Beim Reiten verschwinden Unterschiede

Goch: Beim Reiten verschwinden Unterschiede
Ist die Angst erst einmal überwunden, gibt es bei den jungen Reitern oft ein Lächeln als Ergebnis. FOTO: Stade, Klaus-Dieter
Goch. Einige der Kinder sind körperbehindert, andere sprechen wenig deutsch, weil sie als Flüchtling hierher kamen. Bei der Reittherapie in der Asperdener Reithalle sind sie eine homogene Gruppe. Alle fühlen sich wohl, lächeln, "wachsen". Von Anja Settnik

Eigentlich ist Mustafa ein kleiner Macho, der sich gern cool gibt und damit, wie seine Vertrauten wissen, sein Heimweh überspielt. Freitags allerdings offenbart er sein wahres Ich, da zeigt sich der Junge aus dem Libanon von seiner sensiblen Seite. Ganz zart streichelt er die Nase von Pony Cappuccino, fasst den Führzügel, ohne das Tier zu stören. Mustafa ist eines der Kinder aus der Vorbereitungsklasse der Bedburg-Hauer St.-Markus-Grundschule und nimmt freitags gemeinsam mit seinen Mitschülern und einigen Kindern der LVR-Dietrich-Bonhoeffer-Schule am Therapeutischen Reiten teil. Fraglos ein Höhepunkt der Schulwoche.

Seit vielen Jahren gehört der Umgang mit den braven Pferden von Physiotherapeutin Marie-Therese Janßen zum festen Angebot der Förderschule. Die körperbehinderten und motorisch beeinträchtigten Kinder profitieren von den sanftmütigen Tieren, von der ruhigen Schaukelbewegung des Pferderückens, auf dem sie sitzen dürfen. Sogar Rollstuhlfahrer, die allerdings zu einer anderen Gruppe gehören, werden mit Hilfe einer Aufstiegshilfe auf die kleinen Pferde gesetzt, werden von der Bewegung positiv stimuliert und genießen die Wärme des Tieres. Schulleiter Manfred Strodt ist dem Reiterverein von Driesen Asperden sehr dankbar dafür, dass die Schule die Halle mehrmals in der Woche vormittags unentgeltlich nutzen darf.

Seit einigen Monaten sind nun auch die Flüchtlingskinder der Grundschule dabei. Rektorin Barbara Schmidt-Neubauer war begeistert, als sie von der Reittherapeutin gefragt wurde, ob sie Interesse an einer Zusammenarbeit habe. "Dabei war das am Anfang nicht ganz einfach, denn die meisten Kinder hatten nie zuvor Kontakt zu einem Pferd. Sie wollten zunächst gar nicht in die Nähe der Tiere – es dauerte, bis sie sich trauten, sie zu streicheln", berichtet die Pädagogin. Ganz langsam zerstreuten sich die Bedenken, übers Anfassen und Putzen führte der Weg dann doch bald auf den Pferderücken. Und seitdem sieht man die Mädchen und Jungen sehr häufig glücklich lächeln.

"Sie so entspannt und gelöst zu erleben ist viel wert. Die Kinder haben schließlich eine schlimme Zeit hinter sich. Mehrere haben den Krieg in Aleppo erlebt, sind in Schlauchbooten übers Meer gekommen, mussten monatelang in Flüchtlingslagern ausharren, bis sie schließlich zu uns kamen", erzählt Barbara Schmidt-Neubauer.

Ein Tier als Spiel- und Sportgefährte – so etwas kannten sie nicht. "Selbst Frau Janßens Hund Lily hat sie anfangs verstört." Dass ein Hund sogar beim Frühstück unterm Tisch liegen darf, habe sie regelrecht erschüttert, denn Tiere gelten in vielen Kulturen als unrein. Davon weiß Lily nichts und würde es auch kaum glauben, wenn sie es verstehen könnte, denn inzwischen werfen ihr die Kinder gerne den Ball zu und toben mit ihr herum. Und die Pferde erleben nach einigen Übungsstunden sogar, wie die mutigeren unter den Kleinen sogar auf ihrem Rücken stehen. Mustafa kann schon Traben – offenbar ein Talent.

Viel gesprochen wird in dieser Stunde nicht, die Aktion ist typisch "handlungsorientiert", sagt der Sonderpädagoge. Beide Kindergruppen, die körperlich Beeinträchtigten und die Flüchtlinge, verständigen sich in wenigen Worten, und das klappt sehr gut. Stephanie aus Nigeria und Noor aus dem Irak sind lebhafter, erzählen durchaus gerne.

Stephanie, die sich diesen europäischen Namen übrigens selbst gegeben hat, um von Anfang an dazu zu gehören, sitzt schon sehr gut auf dem Pferd, hat aber auch nichts gegen den Schulunterricht. Ob Deutsch oder Mathe – ihr gefällt alles, und sie ist eine gute Schülerin. Ihre Eltern unterstützen sie sehr und finden toll, was sich die Schule alles einfallen lässt, um ihre Kinder schnell zu integrieren.

 

 

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