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Goch
"Besatzungskind" lädt zu Lesung ein

Goch. Monika Benndorf ist die Tochter einer Niederländerin und eines deutschen Wehrmachtsoldaten. Von Anja Settnik

Monika Benndorf wohnt seit mehr als sechs Jahren in Goch. Für sie eine relativ lange Zeit. "Zum ersten Mal fühle ich mich richtig zuhause", sagt die 72-Jährige. Das hat wenig mit dem geschmackvoll umgebauten Haus zu tun, in dem sie mit ihrem Mann wohnt, sondern vielmehr damit, gefühlt angekommen zu sein. Obwohl sie als Kind einer Niederländerin den Großteil ihres Lebens in den Niederlanden verbrachte, fühlt sich Monika Benndorf als Deutsche. Warum das so ist, wird sie den Gästen einer Lesung am morgigen Mittwoch, 20 Uhr, im Kloster Graefenthal erklären.

"Meine Mutter hat sich 1944, also während der Besatzung, in einen deutschen Wehrmachtsoldaten verliebt. Sie wurde schwanger, die beiden wollten heiraten. Aber der deutsche Staat hat dazu keine Genehmigung erteilt", berichtet sie. Der junge Mann ging nach dem Krieg nach Deutschland zurück, die 20-Jährige blieb bei ihren Eltern in Tiel. "Meine Mutter war für die Familie eine Schande, musste dankbar sein, dass sie nicht weggejagt wurde", weiß Monika Benndorf heute. Denn in Holland galt eine Frau, die sich mit einem Deutschen einließ, als "moffenmeid" oder "moffenhoer" - Übersetzung unnötig. Wohl auch, um es dem Kind nicht noch schwerer zu machen, behauptete die Mutter, der Vater sei tot.

"Als ich größer wurde, ahnte ich, warum mein Vater totgeschwiegen wurde, und bedrängte meine Großeltern und Mutter dauernd, mir von ihm zu erzahlen", erinnert sich Benndorf. Aber die Familie, die aufpassen musste, nicht als Kollaborateure verfemt zu werden, gab nur wenig Hinweise. Monika, die bis dahin mit "c" geschrieben wurde, um keinen Hinweis auf eine deutsche Herkunft zu geben, nannte sich als Jugendliche "Monique", denn Holländerin wollte sie nicht sein. "Ich wollte mit den Lügnern, die mir nicht halfen, nichts zu tun haben", erzählt sie. Erst 1997, als die Mutter gestorben war, erfuhr sie beim Einwohnermeldeamt von Amsterdam, wer ihr Vater war. Und dass er die Vaterschaft gleich nach der Geburt anerkannt hatte. Leider war er bereits 1966 gestorben.

"Seitdem stand ich zum ,k' in meinem Vornamen und beantragte auch, den Namen meines Vaters tragen zu dürfen. Das musste ich allerdings gerichtlich erstreiten." Erst seit 2003 heißt die Frau, die Sonderpädagogin wurde, Monika Benndorf und hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Ihre Erinnerungen hat sie in Briefen an Mutter, Vater und eine erfundene Freundin aufgearbeitet und in Franz Engelen schließlich jemanden gefunden, der daraus und aus diversen Dokumenten ein Buch gemacht hat. "Von der Geschichte befreit" heißt es und ist im Pagina-Verlag erschienen. Durch den Kontakt zur Ehefrau des Vaters, der zeitlebens in Bremen lebte und (außer Monika) keine eigenen Kinder hatte, ist die heute 72-Jährige im Besitz eines Fotos ihres Vaters, das auch im Buch abgebildet ist. Neben einem Bild der Mutter, die ihn nie wiedersah.

"Mein Schreiben hatte das Ziel, mich von meinem Hass, von Wut und Schuldgefühlen zu befreien", sagt Monika Benndorf heute. Sie weiß, dass es viele Besatzungskinder gibt, die ebenso wie sie selbst ihr Leben lang mit Selbstwertproblemen zu kämpfen hatten und sich schwer tun, eine Heimat zu finden. Um nicht Opfer zu bleiben, habe sie aktiv werden müssen, auch Therapiemöglichkeiten genutzt. "Meine Freiheit besteht darin, dass ich mich entscheide, wie ich mit meiner Unfreiheit umgehe", hat sie über ihr Buch geschrieben.

Ihre Tochter Esther, eine Opernsängerin, wird die Lesung gemeinsam mit einem Pianisten musikalisch begleiten.

Karten gibt es für 10 Euro pro Person bei der Kultourbühne.

Quelle: RP
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