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Goch
Die fetten Jahre

Goch: Die fetten Jahre
Fachleute fordern mehr Angebote für Kinder und Jugendliche, die im Sport weniger leistungsstark sind. FOTO: dpa
Goch. Sportlehrer schlagen Alarm: Immer weniger Schüler werden den Anforderungen im Unterricht gerecht. Übergewicht ist nur ein Grund dafür. Von Sebastian Bergmann und Peter Janssen

Schon vor Jahren gab es im Sportunterricht regelmäßig ein Problem: Wenn Mannschaften gewählt wurden, blieben immer drei bis vier Schüler übrig. Die wurden dann großzügig nach dem Motto verteilt: "Okay, Ludger zu uns, dafür müsst ihr den Rest nehmen." Die Zeiten haben sich geändert. Die Zahl der Kinder, die früher nur schwer in eine Mannschaft vermittelt werden konnten, steigt stetig. Die sportlichen Defizite von Kindern und Jugendlichen werden im Schulsport immer offensichtlicher.

Wolfgang Kluge (62) unterrichtet bereits seit 34 Jahren Sportunterricht am Gymnasium. Der Lehrer des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Kleve kann deshalb gut beurteilen, wie sich die Leistungen der Schüler in seinem Fach im Laufe der Jahre entwickelt haben. "Man hat immer noch einige, die alles können. Nur in der Summe sinkt das Niveau. Motorisch hapert es ebenso wie im Ausdauerbereich", sagt Kluge. Der Sportlehrer nennt zwei Beispiele dafür: "Wenn ich 1000 Meter auf Zeit laufen lasse, da kommt die Hälfte der Schüler kaum noch an. Bei Laufspielen in der Halle, pfeifen die ersten nach zwei Runden auf dem letzten Loch." Sportarten wie Leichtathletik oder Turnen könne man ohnehin nur eingeschränkt unterrichten, da die Voraussetzungen, komplexere Bewegungsabläufe zu lernen, nicht mehr vorhanden seien, so Kluge. Schon das Erscheinungsbild nicht weniger Schüler deutet darauf hin, dass deren sportliche Leistungsfähigkeit eher bescheiden ist. Der Klever Kinderarzt Dr. Wolfgang Brüninghaus (61) bestätigt dies. "Es gibt viele Kinder mit extremen Übergewicht", sagt der Mediziner. So behandelt Brüninghaus unter anderem einen fünfjährigen Jungen, der bei einer Körpergröße von 1,15 Meter 37,5 Kilo wiegt sowie einen 1,88 Meter großen 16-Jährigen, der 146 Kilo auf die Wage bringt (Bodymaßindex 41,2; normal ist etwa 25).

"Nahezu alle übergewichtigen Kinder haben Bewegungsstörungen. Falsche Ernährung in Kombination mit Bewegungsmangel sind dafür verantwortlich. Wenn sich Kinder stundenlang mit technischen Geräten beschäftigen, so ist das eine Entwicklung, vor der wir Kinderärzte oft hilflos dastehen", sagt der Mediziner, der sich mehr Sportangebote für Kinder wünscht, die nicht so leistungsstark sind.

Franz van Beek, Schulleiter der Gustav-Adolf-Hauptschule in Goch, beobachtet, dass die Bereitschaft, sich im Sportunterricht anzustrengen, abnimmt. Unterstützt würde der Trend auch durch den Siegeszuges von Smartphones und Co., so van Beek. Seiner Ansicht nach hat Sport immer etwas mit Training, Wiederholung und Anstrengung zu tun. "Die Schüler probieren aber lieber öfter etwas Neues aus, wechseln in kürzeren Abständen die Sportarten." Das sei ein grundsätzliches Problem, findet Franz van Beek.

Ähnlich sieht es Monika Rosenbaum. Sie ist seit 1977 Sportlehrerein an der Gustav-Adolf-Hauptschule. Seit etwa zehn Jahren beobachte sie, dass einfache motorische Voraussetzungen für den Sportunterricht bei vielen Kindern ab der fünften Klasse nicht mehr gegeben sind. Zuhause würden die Kinder nicht genügend motorisch gefördert und immer mehr Ärzte würden sie wegen scheinbarer Lappalien krankschreiben. "Viele Kinder werden oft für Wochen und Monate wegen kleinster Wehwehchen von der Bewegung ausgeschlossen", sagt Monika Rosenbaum. Die Periode sei oft schon ein Grund, Schülerinnen für Wochen vom Sportunterricht zu befreien. In der Folge würden etliche Schülerinnen den ganzen Tag nur rumsitzen. "Man muss die Schüler fast schon von den Stühlen in der Mensa runterschubsen, damit sie sich bewegen."

Lutz Stermann ist Vorsitzender des Kreissportbundes Kleve und kann die Beschwerden der Lehrer nachvollziehen. "Wir brauchen neue Ansätze für einen qualifizierten Schulunterricht", sagt er. 14 Prozent der Schüler seien krankhaft übergewichtig. Der Vorsitzende sieht die Lage als bedrohlich an: "Viele können nicht einmal mehr einen Purzelbaum und haben schon Probleme, das Gleichgewicht zu halten." Zudem würden entgegen der Behauptungen der Politiker noch immer eine Vielzahl der Sportstunden in den Schulen ausfallen. Und dass die Schüler nach einem ganzen Tag Stress in der Schule keine Lust auf Vereinssport haben, wundert Lutz Stermann nicht. "Die Jugend ist überfordert, wir müssen ihr wieder Freiräume schaffen." Der Trend ist nicht zu übersehen: Die dicken Kinder nehmen zu.

Quelle: RP
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