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Goch
Ein nützlicher Herbstspaziergang

Goch: Ein nützlicher Herbstspaziergang
Auf dem Gocher Flachsmarkt gibt es jede Menge an ausgefallenen Angeboten - unsere vier Fotos zeigen ein paar Beispiele aus der Palette. FOTO: SETTNIK
Goch. Optimales Herbstwetter bescherte dem gestrigen Flachsmarkt viele Besucher - solche, die kauften, und solche, die sich vor allem amüsierten. Die Saison für Schals und lange Unterhosen ist offiziell eingeläutet. Von Anja Settnik

Um den Flachsmarkt nicht super zu finden, muss man zwischen sechs und 20 Jahre alt sein. Bei Männern dürfte die Phase etwas länger dauern, vielleicht bis Ende 50. Spätestens mit Erreichen des Rentenalters hilft aber auch das Geschlecht nicht mehr: Wo so viele wunderbar warme Socken und günstige Gürtel zu finden sind, da muss man hin. Und wenn nicht wegen des käuflichen Angebots, dann wegen der Gewissheit, dort viele liebe Mitmenschen zu treffen. "Gehsse auch ebges rüber?" heißt der leicht verlegene Spruch, den mancher ausspricht, der vielleicht lieber auf dem Tennisplatz angetroffen worden wäre. Aber der letzte Dienstag im Oktober - der diesmal wegen des Feiertags ein Montag war - ist in Goch traditioneller Flachsmarkt-Termin. Wo sich Gocher und ungezählte auswärtige Gäste eben rüber schieben.

Letztgenannte parken an allen Straßen, die kostenlose Stellplätze nahe der Innenstadt bieten. Die Stammkunden kennen sich aus und beginnen ihren Stadtrundgang gegen acht Uhr morgens. Zwei Stunden später machen sie den anderen Platz, die den Brückentag zum Ausschlafen genutzt haben. Den etwas späteren Besuchern gefällt dann vermutlich auch der Fischduft schon besser, der jedem bei Erreichen der Bahnhofstraße in die Nase steigt. Er bleibt nicht der einzige, der sich aufdrängt: Reibekuchen, Grillwürstchen und Hustenbonbons schließen sich an. Und: Frisches Gemüse inklusive Zwiebeln, die dank der redegewandten Flachsmarkt-Händler zu Kunstwerken gemacht werden, die jeder, der sich von ein paar Euro trennt, nachahmen kann. "Wer den Schäler schon hat, wird den Hobel lieben", argumentiert ein Verkäufer in Anlehnung an ein Luther-Zitat, das (ebenfalls) mit dem schnöden Mammon zu tun hat. Auf dem Markt geht's eben wie schon im Mittelalter ums Geld verdienen und ausgeben.

Dicht gedrängt liefen die Besuchermassen gestern durch die Gocher Innenstadt, immer auf der Suche nach den typischen Flachsmarkt-Schnäppchen. FOTO: STADE

Tolle Ideen für die Herausforderungen der kommenden Wochen werden ebenfalls geboten: Bald steht wieder das Wichteln an. Liebe Mütter, die ihr euch jedes Jahr aufs Neue fragt, was man denn wohl im Wert von fünf Euro erwerben und einem fremden Kind als tolle Überraschung einpacken kann - ich weiß etwas. Ein unscheinbares kleines Plastikgerät, mit dem sich Kartoffeln in lange runde Girlanden schneiden lassen. Die kennt ihr von der Kirmes oder vom Streetfood-Festival, wo schon ein solcher fettig-salziger Snack mehr kostet als dieses Werkzeug: drei Euro. Holzspießchen und Anleitung dazu, fertig ist ein super Wichtel-Geschenk.

Die Unterhosen mit halblangem Bein und dem Bund unter der Brust, die kauft man besser für den winterlichen Hausgebrauch. Ebenso die Bettwäsche mit dem floralen 80-er-Jahre-Design. Videospiele für die Konsolen früherer Generationen werden manchem Nachwuchs-Gamer noch gefallen, Portemonnaies in Mini- oder Haushaltsgröße eignen sich ebenfalls als nette Mitbringsel. Für das allermeiste findet man aber gleich selbst Verwendung, denn warum soll Omas schäbiger Rührlöffel noch weitere Jahrzehnte die Suppe umrühren, wenn ein neuer für 2,50 zu haben ist? Wer nachmittags noch zum Verwandtenbesuch muss, lässt sich von dem Komiker mit den riesigen bunten Tretern schlauerweise eben die Schuhe putzen und nimmt eine neue Packung Stiefelglanz mit nach Hause.

Auf dem Flachsmarkt ist auch mal Gelegenheit, mit Mutter oder Freundin über Wesentliches zu sprechen: "Hier gibt's die besten Strumpfhosen, alle anderen reißen viel schneller", ist da zu hören. Oder: "So viele verschiedene Wachstuch-Muster für den Gartentisch gibt's nirgendwo sonst." Wahr oder nicht - darum geht's nicht. Wer mit dem neuen Reinigungstuch, dem Polyester-Schal oder der Schlager-CD auch nur für ein paar Stunden glücklich, ist, für den hat sich der Flachsmarkt-Besuch gelohnt.

Quelle: RP
 
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