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Goch
"Elternzeit" an der Gustav-Adolf-Schule

Goch: "Elternzeit" an der Gustav-Adolf-Schule
FOTO: Evers Gottfried
Goch. Schülerinnen der Gocher Hauptschule lernten bei dem Projekt "Elternzeit" des Sozialdienstes Katholischer Frauen eine Woche lang das "Muttersein". Dazu bekamen acht Neuntklässlerinnen jeweils einen Babysimulator mit nach Hause. Von Antje Thimm

Es macht Atemgeräusche und ein hörbares "Bäuerchen", es schreit, wenn es falsch liegt oder sein Kopf nicht richtig gestützt wird, schreit mehrmals in der Nacht und ist manchmal schwer zu beruhigen. Keine Puppe zum Spielen, aber auch kein richtiger Mensch - der Umgang mit einem Babysimulator gibt Jugendlichen die Möglichkeit, den Ernstfall zu proben und zu erleben, was es bedeutet, ein Kind zu haben.

Acht Mädchen der Jahrgangsstufe 9 der Gustav-Adolf-Schule Goch waren bereit, fünf Tage lang rund um die Uhr mithilfe des Babysimulators das "Muttersein" auszuprobieren.

"Wir haben gefüttert, gewogen und Windeln gewechselt", erzählt Cindy Roelofs. Manchmal habe das "Baby" schlechte Laune gehabt und bis zu 41 Mal in 24 Stunden geschrien und sie habe immer erst einmal herausfinden müssen, warum es schreit. "Morgens war ich müde und fix und fertig", sagt Raya Borrmann. Aber sie habe einen richtigen Einblick bekommen, wie es wohl wäre, ein Kind zu haben. "Man muss das auch bezahlen können", betont sie weiter "wenn man als Jugendliche schwanger würde, wäre man ja total abhängig zum Beispiel von den Eltern. Es ist auf jeden Fall besser, erst einmal eine Berufsausbildung zu machen."

Wie Heidi Viell vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) erklärt, bietet ihre Organisation das Projekt "Elternzeit" seit 12 Jahren an. Sie hat auch die Mädchen der Gustav-Adolf-Schule während dieser Woche intensiv begleitet. "Neben dem Umgang mit dem Babysimulator wurden auch die Themen Verhütung, Zeugung und Fruchtbarkeit besprochen", berichtet Heidi Viell. Die Schülerinnen hatten während ihres Elternprojekts keinen normalen Unterricht, jeden Vormittag trafen sie sich mit der Projektleiterin und ihrer Lehrerin Monika Rosenbaum, um ihre Erfahrungen auszutauschen und Themen wie zum Beispiel Gesundheit in der Schwangerschaft und Geburt zu besprechen. Auf dem Programm stand auch ein Besuch bei der Frauenberatungsstelle und bei der Hebammen-Praxis Rundum. Dort informierte Hebamme Anne-Christin Kleinen ausführlich darüber, wie eine Geburt verläuft.

Auch wenn es nur ein Babysimulator war, alle Mädchen berichteten, dass sie tatsächlich Muttergefühle entwickelt hätten. Sie gaben ihren Babys auch sorgfältig ausgewählte Namen: Sofie, Cosmo, Emily, Mia, Evangeline Schanej, um nur einige zu nennen. "Das Verantwortungsgefühl war groß", sagt Jaqueline Pilkmann. "Wenn wir einen Fehler gemacht haben, zum Beispiel den Kopf nicht gestützt oder das ,Kind' allein gelassen haben", hat der Computer es aufgezeichnet und als Misshandlung gewertet.

Dass eine Identifikation mit der Rolle stattfand, bewies die Konfrontation der 14- bis 15-jährigen Mädchen mit speziellen Babysimulatoren, an denen man die Auswirkungen von Alkohol und Drogen während der Schwangerschaft erkennen konnte. Diese "Babys" waren im Vergleich zu den gesunden stark untergewichtig, zitterten beim Schreien und hatten eine ganz andere Kopf-Form. Die Schülerinnen waren sichtlich geschockt, drei von ihnen brachen spontan in Tränen aus und wurden von Lehrerin Monika Rosenbaum betreut.

Hobbys und Sportvereine waren in dieser Woche auch gestrichen, berichteten die Mädchen einhellig. Treffen mit Freunden ging da schon eher, aber das Baby musste halt immer mit. "Es ist nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit", sagt die Sozialpädagogin Heidi Viell. "Aber wir haben mit dieser Maßnahme, die unter anderem auch ungewollte Schwangerschaften verhindern soll, durchweg positive Erfahrungen gemacht." Man stoße in den Gesprächen mit den Teilnehmerinnen manchmal auf häusliche Probleme, hier könne man ebenfalls präventiv ansetzen.

Unterstützt wurde die Projektwoche durch den Rotary-Club im Kreis Kleve, die Fachstelle für schulbezogene Jugendsozialarbeit beim Anna-Stift und den Förderverein der Schule.

Quelle: RP
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