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Goch/Kleve
Fingerzeige von "oben" für den Frieden

Goch/Kleve. Ray Hamley war Navigator in dem Flugzeug, das die Klever Unterstadtkirche bombardierte. Jahrzehnte nach Kriegsende bat er um Vergebung. Pfarrer Leinung schrieb die Geschichte auf, jetzt ist sie im Gocher Pagina-Verlag erschienen. Von Matthias Grass

Es ist die Geschichte einer Versöhnung, die Pfarrer Fritz Leinung in einem kleinen Büchlein aufgeschrieben hat, das jetzt wieder neu aufgelegt wurde. Es ist die Geschichte von der Versöhnung eines Mannes mit der Stadt, die er als 19-jähriger Navigator in einem britischen Bombenflugzeug angriff. Er war der Mann, der am 26. September 1944 die Bomben auslöste, die eine Straßenkreuzung an einer Brücke treffen sollten. Doch Ray Hamley, der junge Navigator, "zog" zu früh. Das zeigten später die Trefferbilder. Seine Bomben fielen in eine Kirche und zerstörten sie.

Die Geschichte ließ ihn nicht los. Der spätere Lehrer, der während des Zweiten Weltkrieges 50 Einsätze flog, wurde 40 Jahre lang immer wieder an diesen einen Einsatz über Kleve, an die Stadt und die Kirche erinnert. Von Mitbringseln der Kinder seiner Schule, von einem Nachbarn, der ihm nach einer Deutschlandreise einen Wein schenkte, der in eine Zeitung eingepackt war. Hamley packte die Zeitung aus und sah: die von ihm zerstörte Kirche.

Der Ex-Soldat schrieb einen Brief an den damaligen Klever Bürgermeister Gert Brock, weil er überzeugt war, dass "der da oben" (wie er Gott zu nennen pflegte) ihn immer wieder an diese eine Kirche erinnerte und er um Versöhnung bitten möchte. Brock gab den Brief an Fritz Leinung weiter, der Pfarrer an der wieder aufgebauten Unterstadtkirche war, die im September 1944 zerstört wurde. Leinung stellte den Brief und den Entwurf einer Antwort in einer Predigt vor. Es war totenstill in der Kirche. Am Ende der Messe legte der Pastor "in einer Volksabstimmung" (so schreibt er) seiner Gemeinde Unterschriftenlisten vor. Fast alle unterschrieben. Manchen weinten, andere diskutierten, dritte sagten ihm: "1944 hätte ich ihn mit bloßen Händen erwürgt - aber jetzt, 40 Jahre nach Kriegsende unterschreibe ich den Vergebungsbrief".

Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft sein, eines Austausches für den Frieden. Hamleys Brief machte Furore: Richard von Weizsäcker lud den Schulrektor aus Yorkshire zum Empfang in die Londoner Botschaft und erwähnte ihn 1985 in seiner Rede zum Kriegsende. 2004 schrieb Pastor Leinung die Geschichte auf. "Versöhnung ist etwas Wichtiges, so wichtig, dass ,der da oben' sich einmischt", sagte Fritz Leinung damals zur Vorstellung seines Buches, dabei jenen Mann zitierend, dem das Buch gilt: Ray Hamley. Beide waren fest davon überzeugt, dass "der da oben" deutliche Fingerzeige gegeben hat. Es sind Zufälle und Begebenheiten, die unglaublich klingen. Deshalb betonte Leinung auf dem Buchrücken: "Was hier berichtet wird, ist so geschehen".

Hamley war schon tot, als Leinungs Buch 2004 erschien, im Juli dieses Jahres starb Fritz Leinung. Jetzt hat Franz Engelen vom Gocher Pagina-Verlag die 136 Buchseiten starke, so wichtige Geschichte von der Versöhnung 40 Jahre nach dem Krieg noch einmal aufgelegt. Ein lesenswertes, packendes Buch. Ein Buch aber auch, dass in der älteren Generation den Schrecken der Bombennächte im Bunker wieder hochholt. Wie bei Norbert Lützenkirchen bei der Vorstellung des neuen Bandes im Klever Kolpinghaus. Lützenkirchen, der als Verleger den ersten Band herausgab, saß 1944 als siebenjähriger in einem Bunker an der Lindenallee.

Quelle: RP
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