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Goch-Kessel
Gochs erster Nachkriegs-Polizist

Goch-Kessel: Gochs erster Nachkriegs-Polizist
Ein halbes Jahr lang war Franz Giesbers Polizist in Kessel und Asperden. FOTO: PRV
Goch-Kessel. Vor 70 Jahren rekrutierten die Engländer Franz Giesbers als Polizist. Der damals 18-Jährige betreute mit zwei Gleichaltrigen die Bürger in Kessel und Asperden, ging auf Streife und erlebte allerlei Anekdoten. Von Sebastian Latzel

Er war 121mal St. Martin, 660mal Nikolaus, 78 Jahre Messdiener und 50 Jahre Büttenredner. Doch dass Franz Giesbers auch sechs Monate lang Polizist war, das wissen nur die wenigsten Gocher. Genau 70 Jahre ist es jetzt her, dass der damals 18-Jährige vom Bürgermeister Franz Gossens mit zwei Freunden zum englischen Ortskommandanten geschickt wurde. Der wunderte sich, als er die drei blutjungen Burschen sah. Aber als Franz Giesbers ihn mit einem "Good Morning" begrüßte, war das Eis gebrochen. "Der Offizier war begeistert, wie gut ich Englisch sprach und hat uns drei dann sofort in Dienst genommen." Das gute Englisch hatte Giesbers auf dem Kapuziner Gymnasium in Bocholt gelernt.

Die Hauptaufgabe für die drei Jungen bestand damals darin, die Bürger zu betreuen, die zurück in ihre Häuser kamen. Kessel war nämlich evakuiert worden, als die Alliierten anrückten und den Ort schließlich einnahmen. Sogar Winston Churchill war damals durch den Ort gefahren. An seine Arbeit als Polizist erinnert sich Giesbers bis heute gut. "Ich habe das sehr gerne gemacht, es machte Freude, den Menschen zu helfen", sagt er. Ein Armband mit der Aufschrift "Police" wies ihn als Polizisten aus, zu dessen Aufgaben auch der Streifendienst und die Kontrolle von Fahrrädern gehörte, wie Giesbers berichtet.

Schmunzelnd erinnert er sich an einen ersten Einsatz, als er eine äußerst korpulente Frau mit ihrem Fahrrad stoppte. "Halt, steigen Sie ab. Sie fahren ohne Licht, das kostet zwei Mark", sagte er. Die Frau war gar nicht begeistert. "Du hast mir gar nichts zu sagen", fuhr sie den jungen Burschen an. Der sagte noch: "Ich glaube, ihr Fahrrad pfeift", als die Frau klarstellte: "Wenn ich mich auf dich setzen würde, dann würdest du auch pfeifen."

Anekdoten, die zeigen, dass es ein sehr bürgernaher Job war, den Giesbers da angenommen hatte. Dazu passte auch sein erster Einsatz in Asperden, wohin er nach drei Monaten "versetzt" worden war. Dort sollte er Bauern kontrollieren, die offenbar Schwarz Schnaps gebrannt hatten. Die sahen den jungen Polizisten schon von weitem, baten ihn ins Haus und stellten ihm erst einmal ein großes Glas auf den Tisch. Limo sei da drin, hieß es. Doch nach ein paar Gläsern wurde es dem jungen Mann ganz anders. Auf dem Nachhauseweg landete er mit dem Rad im Graben und schlief dort erst einmal bis zum Abend.

Eine richtige Bezahlung gab es für die drei Polizisten nicht. Die waren erfinderisch und brachten eine der herumlaufenden Kühe zum Metzger. Das Fleisch verkauften sie dann für 65 Pfennig pro Pfund. Als der Bauer seine Kuh vermisste, besorgte ihm das Trio kurzerhand ein anderes Tier. "Die liefen da überall frei herum und der Bauer war ganz begeistert, weil die Kuh viel besser sei", berichtet Giesbers, der als Polizist nicht nur auf Streife ging, sondern auch bei Beerdigungen helfen musste und im Gottesdienst Messdiener sein musste. Sogar einen Waffenschein hatte er. Er hatte die Erlaubnis einen Knüppel zu tragen. "Das haben wir aber nicht gemacht", sagt Giesbers, der nach sechs Monaten seinen Job als Polizist an den Nagel hängte und zu seiner Firma zurückkehrte, um die Lehre fortzusetzen.

Quelle: RP
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