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Goch
Gochs Güterbahnhof ist Vergangenheit

Goch: Gochs Güterbahnhof ist Vergangenheit
Vor 110 Jahren, also im Jahr 1905, entstand diese historische Aufnahme. FOTO: NN
Goch. Die Bagger haben sowohl die alte Zollabfertigung, als auch den Güterbahnhof am Emmericher Weg abgerissen. Jahrzehntelang waren die Gebäude verlassen und längere zeit ohne Funktion. Das Stadtarchiv besitzt alte Fotos. Von Anja Settnik

Die Stadt Goch gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Die Margarinewerke Jurgens & Prinzen und die Ölmühle van den Bosch entwickeln sich prächtig - die Kleinstadt profitiert von der Industrialisierung. Wo über den Bedarf hinaus produziert wird, muss die Ware allerdings transportiert werden. Ab 1863 steht dafür der Bahnhof Goch zur Verfügung, ab 1884 sogar mit einem gesonderten Güterbahnhof. Gut 90 Jahre später wird der Frachtverkehr jedoch wieder eingestellt, und jetzt, noch mal 40 Jahre später, verschwinden die alten Gebäude von der Landkarte.

Nicht die historischen übrigens, denn die wurden um das Jahr 2000 von den Gocher Wrede-Architekten saniert und dienen heute unter anderem dem Sanitätshaus Mönks und Scheer als Geschäftsräume. Abgerissen wird derzeit der "Neubau" der Güterabfertigung von 1967 an der Emmericher Straße. Schon ist vom Bahnhof aus das zu Büros umgebaute ehemalige Fabrikgebäude der Firma van Nelle (Kaffeerösterei und Puddingfabrik) gut zu erkennen, das bisher trotz seiner Höhe hinter den Altgebäuden weitgehend verschwand. Die auffällige moderne Fassade können Spaziergänger künftig von der neuen Grünanlage davor betrachten.

Das Zollamt (Güterbahnhof), aufgenommen etwa um das Jahr 1960. FOTO: Stadtarchiv Goch

Um 1900 "brummt" der Bahnhof. In dem Zollgebäude am Bahnhof werden täglich 700 bis 800 Frachtbriefe erledigt, weiß das Stadtarchiv. Die Zollabfertigung bewältigt Tag für Tag bis zu 120 Güterwagen. "Pro Zug mussten bis zu 400 Gepäckstücke ausgeladen, zollamtlich beklebt, sortiert und wieder eingeladen werden", erklärt Archivarin Judith Schouten, die Beiträge zum Thema in Hansi Koepps "Kelten, Kirche und Kartoffelpüree" und in den Schriften des Heimatvereins Goch gefunden hat. Dessen Arbeitskreis "150 Jahre Eisenbahn" hatt vor zwei Jahren eine große Ausstellung zum Thema organisiert.

Der Bahnhof, weiß zum Beispiel Werner Verfürth vom Heimatverein, war ein Arbeitsplatz für viele Menschen: Anders als heute, wo (immerhin) noch ein bis zwei Mitarbeiter einer Agentur Fahrscheine verkaufen, arbeiteten damals 70 bis 80 Leute. Tempo war für die Logistik schon vor 100 Jahren maßgeblich: Innerhalb von 20 Minuten musste die Prozedur bewältigt sein. "Bis die Autobahn in den 80-er Jahren gebaut wurde und die Zollabfertigung zum Grenzübergang wechselte, war der Zoll an der Bahn. Sowohl für die Waren, die per Güterzug kamen, als auch für diejenigen, die mit Lkw zur Ladestraße transportiert wurden", erklärt Verfürth.

Ein Foto aus dem Jahr 1980, als Fliesen Zwanziger in dem Bahnhof daheim war. FOTO: NN

Die Rheinische Eisenbahngesellschaft und die Boxteler Bahn teilten sich die Aufgaben. Eine beeindruckende Zahl: Das Jahresgüteraufkommen der Boxteler Bahn betrug im Jahr 1913 insgesamt 168 648 Tonnen. Vermutlich wird kurz danach, im Ersten Weltkrieg, auch Rüstung transportiert worden sein, ebenso, wie 1940 auch Panzerzüge über die Schienen im Bereich Goch rollten. Als strategisch wichtiges Ziel wurde der Bahnhof Goch im Zweiten Weltkrieg natürlich fast vollständig zerstört, die Gleise blieben jedoch erhalten und konnten schnell wieder genutzt werden. Behelfsgebäude wurden gebaut, die Güterabfertigung fand in den ehemaligen, notdürftig wiederhergestellten Zollgebäuden Platz.

In den 50-er Jahren erfuhr der Bahnhof eine erhebliche Aufwertung: zunächst durch seine für damalige Verhältnisse revolutionäre Architektur (die bekanntlich sogar der Modellbaufirma Faller als Vorlage diente). Wichtiger Nutzer des Güterbahnhofs war die Firma Pfeiffer & Langen, die dort eine fahrbare Rübenverladeanlage baut. 1967 allerdings hatte das alte Gebäude an der Klever Straße ausgedient, der Neubau am Emmericher Weg entstand. Gelohnt hat sich dieser Schritt kaum: Schon neun Jahre später, 1976, wurde die Güterabfertigung geschlossen. Der Fliesenhandel Zwanziger übernahm die Gebäude. Der letzte Güterzug rumpelte 1997 zwischen Krefeld und Kleve. Die alten Gleise der Boxteler Bahn waren da schon größtenteils abgebaut. Nach langjähriger Verhandlung mit der Deutschen Bahn gelang es der Stadt Goch erst kürzlich, das vernachlässigte Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs zu kaufen, um den Abriss vorzunehmen.

Quelle: RP
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