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Goch
Gustav Kräussl kehrt Goch den Rücken

Goch: Gustav Kräussl kehrt Goch den Rücken
Karin und Gustav Kräussl vor einer Weltkarte, die der Reisebürokaufmann einst von Lufthansa bekam. In diesen tagen kommen die letzten Kunden in das Ladenlokal an der Steinstraße - dann ist Schluss für Kräussls in Goch. FOTO: Friedel Evers
Goch. Ende des Monats wird das "Reisebüro am Steintor" geschlossen. Das Ehepaar Kräussl, auch als Querdenker bekannt, hat in Goch 34 Jahre lang Reisen verkauft und tritt nun in den Ruhestand. Hameln soll das neue Zuhause werden. Von Anja Settnik

Selbst Bürger, die Kreuzfahrten, Sonnenstühle unter Palmen oder hohe Berge kalt lassen, kennen vermutlich den Chef des "Reisebüros am Steintor". Spätestens seit 2002 verbindet mit dem Ehepaar Kräussl wohl jeder Gocher etwas. Denn im Reisebüro von Karin und Gustav Kräussl wurden nicht nur Traumreisen und Bahnfahrscheine verkauft, es ging häufig auch um aktuelle Gocher Themen. Die Bürgerinitiative gegen den Bau des Gocher Rathauses hatte in dem Ladenlokal ihre Zentrale, und später wurde im Hinterzimmer für die "ZIG"-Fraktion politisiert. Das ist Vergangenheit, und schon sehr bald wird auch das "Reisebüro am Steintor" nur noch Erinnerung sein: Karin und Gustav Kräussl machen nach 34 Jahren Selbstständigkeit ihren Laden dicht.

Die beiden umtriebigen Neu-Rentner verlassen Goch, weil sie noch viel zu wenig von Deutschland kennen, wie Gustav Kräussl sagt. Wer sich verabschieden möchte: Am Samstag, 29. September, ist dazu zwischen 11 und 15 Uhr Gelegenheit. Wie ein Reisebüro werden die Räume auf der Ecke Steinstraße / Am Steintor dann nicht mehr aussehen, vor allem nicht von außen, denn Karin Kräussl nutzt ihr Schaufenster schon seit Tagen nur noch für "Tschüß"-Plakate in eigener Sache. "Für unsere touristischen Stammkunden wollen wir aber weiterhin im Einsatz bleiben", sagt Kräussl. Per Telefon oder per E-Mail bleibe er erreichbar.

Gustav Kräussl stammt aus Leer in Ostfriesland, lernte dort ab 1967 Reiseverkehrskaufmann. Und zwar im "Städtischen Reisebüro", bei dem die Bürger Urlaube in Italien, im früheren Jugoslawien und im Winter in den Bergen Österreichs buchten. Sehr gerne ging es mit TUI-Sonderzügen in die "schönsten Wochen des Jahres", nur selten buchten die Kunden eine Flugreise. Das wurde bald anders, insbesondere Mallorca flog an, wer es sich leisten konnte. "Und ich erinnere mich noch gut an die erste Amerika-Reise, die ich verkaufte. Die kostete 4960 Mark, und die Leute ließen 40 Mark Trinkgeld springen - so etwas gab es damals noch", schmunzelt Kräussl.

Ein Wechsel zu Hapag-Lloyd in Emden brachte den jungen Tourismus-Profi mit ganz anderen Themen zusammen - als Firmendienstleister sorgte er dafür, dass die Seeleute auf ihre Schiffe kamen. Es folgten Jahre bei "Kios West" in Moers mit diversen Filialen, bis die Kräussls beschlossen, sich selbstständig zu machen. Und zwar in Goch, wo es 1977 nur zwei Reisebüros gab.

Kräussl blieb der TUI treu, hatte aber auch die Lizenzen zum Verkauf von Bundesbahnfahrscheinen (das Kursbuch kennt er praktisch auswendig) und über IATA von internationalen Flugscheinen. "Ich war immer ein echter Allrounder, vermittelte Touren mit dem Hotelbus an die Costa Brava ebenso wie Rundreisen am Amazonas." Natürlich sah er auch selbst viel von der Welt, gewann als "bestes Reisebüro" bei einem Wettbewerb seines Branchenvereins sogar mal eine dreiwöchige USA-Rundreise. Die hat er sehr genossen.

"Mit der Euro-Einführung hat sich das Geschäft erheblich verändert", sagt Karin Kräussl, die von ihrem Mann "angelernt" wurde und ebenfalls 34 Jahre im Reisebüro am Steintor saß. Die Billigflieger drängten auf den Markt, immer mehr Menschen suchen sich heute im Internet ihre Reise-Bausteine zusammen. "Ich verkaufe inzwischen auch Pauschalreisen ab Weeze", berichtet Kräussl. Zum Glück gebe es durchaus genügend Kunden, die nicht auf den Service eines Reisebüros verzichten wollten.

Seine politischen Ambitionen lebte der Mann, der Goch jetzt den Rücken kehrt, zunächst einige Jahre bei der SPD, dann bei der ZIG aus (für diese Fraktion war er von 2009 bis 2011 im Stadtrat). Zuletzt schimpfte er eher im Privaten. Das wird Kräussl vermutlich auch in Hameln, wohin er jetzt zieht, beibehalten.

Quelle: RP
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