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Goch-Hommersum
Hinter den Kulissen

Goch-Hommersum: Hinter den Kulissen
Gehobene Unterhaltung im Sacklager: Berufscholeriker Wilfried Schmickler kurz vor dem nächsten Rundumschlag. FOTO: van Offern Markus
Goch-Hommersum. Das Format von "Hart an der Grenze" hat sich bewährt. Es ist die Mischung aus Künstlern, Veranstaltungsort und Konzept, die auch in Zukunft dreimal im Jahr für ausverkaufte Veranstaltungen in Hommersum sorgen wird. Das, was auf der Bühne passiert, ist ausreichend gewürdigt worden. Ein Blick hinter die Kulissen fehlt. Von Peter Janssen (Text) und Markus van Offern (Fotos)

16.30 Uhr: Der Arbeitstag von Wilfried Schmickler hat vor einer Stunde begonnen. In Köln abgefahren, sitzt er jetzt im Café der Viller Mühle. Hier gibt es eine Verbindungstür zur Bühne des großen Sacklagers. Schmickler ist Kabarettist. Hochdekoriert und das zu Recht. In einem Genre, in dem bei etlichen Talenten auf ihrem Weg zum Weltstar etwas dazwischen gekommen sein muss, gehört Schmickler zu den festen Größen. Er ist keiner der "Comedy"-Hampelmänner. Bei ihm weiß man immer, was man bekommt. Der Gesichtsausdruck des 61-Jährigen wirkt mürrisch. Er sieht so aus wie die alten Herren, die spielende Kinder aus dem Hof vertreiben.

Schmickler geht in den Garten der Viller Mühle, setzt sich auf einen verrosteten Stuhl und raucht Marlboro. In dreieinhalb Stunden steht er zum 54. Mal auf der Bühne im Sacklager, was seinen Ruhepuls nicht aus der gewohnten Bahn bringt. "Ich muss morgen Rasenmähen", sagt er nach einem tiefen Zug. Und in zwei Wochen fährt er in den Urlaub, nach Domburg.

Gernot Voltz, alias Herr Heuser (r.), im Café. Die graue Tür führt auf die Bühne. Der WDR-Mitarbeiter verteilt die Mikros. FOTO: van Offern Markus

Der Klever Kulturmanager Bruno Schmitz (69) hatte Schmickler vor 14 Jahren für das Format in dem historischen Bau gewinnen können. "Der Bruno wohnt bei mir in Köln schräg gegenüber", sagt Schmickler. Er ist sich sicher: Ohne Schmitz laufe in Sachen Kabarett in der Region nahezu nichts. "Der hat den Niederrhein unter Kontrolle. Auch hier in der Mühle stimmt alles. Auf den Bruno kann man sich verlassen. Der holt keine Anfänger."

Aufhören ist für Schmickler kein Thema. "Ich bin erst 61. Als wir mit dem Kabarett begonnen haben, gab's Fahrgeld und 'ne warme Mahlzeit. Wenn ich auf meinen Rentenbescheid gucke, dann muss ich noch ein paar Jahre", sagt er. Drei Acht-Stunden-Tage sitze er an den Texten für Hommersum. Für die TV-Sendung "Scheibenwischer" brauche er nicht so lange. Zudem stimmt er sich mit den anderen Künstlern ab. "Damit hier nicht drei Nummern über die Türkei oder Herrn Gauland laufen", erklärt er.

Tunnelblick: Schmickler konzentriert. FOTO: van Offern Markus

16.50 Uhr: BrunoSchmitz hat die Kabarettisten Gernot Voltz und Frank Lüdecke vom Gocher Bahnhof abgeholt. Voltz spielt den Deppen Heuser vom Finanzamt. Er gehört bei "Hart an der Grenze" ebenso wie Schmickler seit 14 Jahren zum Inventar.

17.05 Uhr: Kleinkünstlerin Katie Freudenschuss steht im Eingang des Cafés, das auch die Gemeinschafts-Garderobe ist. Sie ist eine der drei Akteure, die Schmitz im Vorfeld nie ankündigt. Freudenschuss hat einen kläffenden Hund dabei. Schmickler sitzt zurückgezogen in der Ecke an einem Tisch und geht seinen Text durch. Ihn nervt das Gejaule. "Können wir das mit dem Hund abstellen?" Eine Frage, die keine ist.

Schmitz (l.), Hausherr Bömler und der Hund von Katie Freudenschuss (r.). FOTO: van Offern Markus

17.44 Uhr: Schmickler fragt: "Wie hat denn die Schweiz gespielt?" Er ist Fußball-Fan und beweist Sachverstand: "Ich hab's nicht leicht. Ich halte für Leverkusen. Da wirst du eh nur verarscht." Frank Lüdecke prahlt, dass er bei der WM 2016 Brasilien gegen Deutschland und das Endspiel vor Ort gesehen habe. "Wie geht das denn?", will Schmickler wissen. "Ich hab' bei der Fifa-Verlosung gewonnen", sagt Lüdecke. Er scheint es ernst zu meinen.

18 Uhr: Der Ablauf wird besprochen. Protagonisten und Mitarbeiter des WDR sitzen im Kreis. Die Sendung wird immer aufgezeichnet und auf WDR 5 gesendet (siehe Hinweis). Schmickler gibt hier die Kommandos. "Keiner länger als zehn Minuten. Wenn hier Mist gemacht wird, haben wir die ganze Sendung für den Eimer produziert", sagt er. Den Neuen wird erklärt, wie der Abend auf der Bühne endet: "Wir verbeugen uns einmal, zweimal, höchstens noch ein drittes Mal. Dann ist Sense."

Haarige Angelegenheit: Katie Freudenschuss bekommt ihr Mikro angelegt. FOTO: van Offern Markus

Nach 30 Minuten wird die Runde aufgelöst und das Buffet eröffnet. Spargel, Kochschinken mit Sauce Hollandaise, Schmorkartoffeln und etliche Beilagen. Die Männer vom WDR haben Hunger. Ein Redakteur lässt seinen Blick über die Platten mit den Speisen schweifen und urteilt: "Spargel und Schinken gehen besser. Vom Salat ist kaum was weg. Wir machen das hier sowieso nur wegen des Essens", sagt er mit einem Hauch von Ironie in der Stimme.

Schmitz ist gespannt. Freudenschuss und Michael Krebs, der fünfte Akteur, sind recht frisch in der Branche. Sie stehen zum ersten Mal für ihn auf der Bühne. Lüdecke hingegen gehört zu den Etablierten. Seine Verpflichtung ist kein Risiko. "Mit Schmickler und Voltz ist man immer auf der sicheren Seite", sagt Schmitz.

18.43 Uhr: Als sich der Hund von Freudenschuss wieder bemerkbar macht, fragt Schmickler: "Wo kommt der denn her?" "Aus Rumänien", sagt sie. Schmickler: "Ach so, klarer Fall, der ist ja völlig traumatisiert."

18.45 Uhr: Schmitz hält am Einlass Hof. Intellektuelle, Ärzte, Lehrer . . . - viele wollen dem Bruno mindestens "Guten Abend" sagen oder besser noch anerkennend betonen, wie schön es hier immer ist.

19.10 Uhr: Es wird ruhiger im Café. Der Hund sitzt jetzt im Auto. Man geht sich aus dem Weg, gesprochen wird kaum noch. Schmickler liegt auf einem Sofa, wenn er nicht gerade raucht. Die Zeit für die Maske ist gekommen. Für den Kölner bedeutet das: Ein Jackett überziehen. Lüdecke entblößt seinen Oberkörper und wechselt sein T-Shirt. Freudenschuss hat ein zweites Kleid dabei und schminkt sich tüchtig.

19.55 Uhr: Ein Hauch von Anspannung macht sich breit. Schmickler geht auf die Bühne. Bei seinem Auftaktsong wird deutlich: Er hat Begabungen, Niederländisch sprechen gehört nicht dazu. Nach dem ersten Auftritt kommt er verschwitzt ins Café zurück. Die Luft im Saal klebt. "Scheiß Klimawandel", sagt der Kölner.

20.25 Uhr: Ihr erster Auftritt im Sacklager ist ein Riesenerfolg. Katie Freudenschuss wird bei ihrem Abgang von einem Strahl Jubel begleitet. Im Café angekommen, entlädt sich ihre Anspannung: "Ich hab's geschafft, es war ein Traum." Die gestandenen Kollegen nehmen interessiert zur Kenntnis, wie Freudenschuss im Saal abgeräumt hat. Schmickler gibt ihr sogar Feuer.

Es geht auf die Pause zu. Schmickler steht hinter der Bühne, Krebs darauf. Der erfahrene Kabarettist reckt drei Finger in die Luft und zeigt sie Krebs. Die Botschaft: Höchstens noch drei Minuten, dann aber runter.

20.55 Uhr: Der WDR-Redakteur strahlt: "Ihr seid so gut. Erstens Punktlandung und zweitens auch noch lustig" - setzt er die Prioritäten. Im Laufe des zweiten Teils wird es unruhig. Mag der Auftritt von Freudenschuss auch noch so gut sein, er ist zu lang. Sie überzieht acht Minuten. Schmickler gibt Zeichen, tippt immer wieder auf seine Uhr.

22.24 Uhr: Finale: Alle verbeugen sich drei Mal. Künstler und Publikum sind extrem zufrieden. Hinter den Kulissen klatschten sich die Künstler ab, wie Jugendliche auf dem Schulhof. Stühle werden in einen Kreis gestellt. Es gibt Beck's aus Flaschen. Akteure, WDR-Männer und Schmitz lassen die Show Revue passieren. Freudenschuss sitzt etwas abseits. Sie ist völlig begeistert: "Das war so gut hier, ich bin noch immer total platt." Sie erzählt davon, dass es als Frau nicht einfach ist, gute Engagements zu bekommen. "Häufig heißt es, 'tut uns leid, aber wir haben schon eine Frau im Programm'." Schmitz sitzt im Rücken von Freudenschuss. Er hebt den Daumen. Dem Mann mit Kulturbüro ist es egal, wie viele Frauen bei ihm auftreten. Er hat Freudenschuss in die Ablage "Kann wiederkommen" einsortiert. Denn, wie sagte Schmickler: "Der Bruno holt keine Anfänger."

"Hart an der Grenze", WDR 5, heute, 15.05 Uhr; Wiederholung: WDR 5, Sonntag, 26. Juli, 00.05 Uhr).

Seit 14 Jahren gibt es die Kabarett-Reihe "Hart an der Grenze" in der Viller Mühle. Sie ist ein Stern in der Kulturlandschaft am unteren Niederrhein. Hier, in der Provinz, wo das Angebot an gehobener Unterhaltung überschaubar ist.

Quelle: RP
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