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Goch
Kunst rund ums Vergessen in Kevelaer

Goch: Kunst rund ums Vergessen in Kevelaer
Annette Kipnowski (v.l.), Jürgen Forster und Edith Sauerborn sind drei der ausstellenden Künstler, die ab Samstag im Niederrheinischen Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte ihre Werke zum Thema Demenz zeigen. FOTO: seybert
Goch. Im Niederrheinischen Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte wird am Samstag eine ungewöhnliche Ausstellung eröffnet. Eine Künstlergruppe nähert sich mit ihren Arbeiten dem Thema Demenz. Persönliche Betroffenheit. Von Michael Klatt

Die Collage aus 36 Fotos führt weit zurück in die Zeit, als Aufnahmen schwarz-weiß waren. Kleine Mädchen mit Bubikopf und Schleife im Haar sind zu sehen, eine weite Bucht, ausgedehnte Weiden, Häuser. Eine Serie aus drei Acrylgemälden verdeutlicht das Anwachsen der Dunkelheit: Die Ansammlung aus vorwiegend gelben und roten Flächen wird im zweiten Bild von einigen schwarzen Flecken gestört, die im dritten die Vorherrschaft übernommen haben. In einer Wohnungseinrichtung steht neben einem Fernseher ein Teller mit Weißbrot, belegt mit Papiertaschentüchern; außerdem ist ein Wäschetrockner zu sehen, an dem unter anderem zwei Weißbrotscheiben festgeklammert sind.

Sie lassen schmunzeln, machen nachdenklich und erschrecken auch, die Collage "Pommerland ist abgebrannt", die Bildfolge "Into the darkness I-III" und die Installation "Oma ist spazieren". Sie stammen von Barbara Hoock, Jochen Kipnowski beziehungsweise Horst Becker. Das sind drei der 13 Künstler, die ihre Arbeiten in der neuen Ausstellung des Kevelaerer Museums zeigen. "Wege ins Vergessen" ist der Titel der ungewöhnlichen Präsentation, die den Besuchern ab Samstag eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz vor Augen führt.

Ein Thema, mit dem praktisch jeder im Verwandten-, Freundes- oder Bekanntenkreis konfrontiert wird. "In Deutschland leben etwa 1,5 Millionen Menschen, die an Demenz leiden", schreibt Dr. Annette Kipnowski, Ärztin, Künstlerin und Sprecherin der Gruppe, im Vorwort zum Ausstellungskatalog. Und täglich kämen 100 Neuerkrankungen hinzu.

Wie groß die Resonanz ist, hat die nicht immer in identischer Besetzung agierende Gruppe bei ihren bisherigen Ausstellungen in Bonn 2013 und in Essen 2014 erfahren. Vor der Premiere habe es bei den Künstlern Sorgen gegeben: Wird es funktionieren? Es klappte. "Es gibt Diskussionsbedarf im Publikum, die Verzweiflung der Angehörigen ist groß", berichtet Annette Kipnowski.

Fast alle der Künstler sind als Angehörige auch selber betroffen. Sie sehen die Ausstellung als Ziel, das Thema Demenz weiter zu enttabuisieren. "Der Umgang mit Demenz müsste selbstverständlicher sein, die Kranken mehr akzeptiert werden", meint Künstler Jürgen Forster. Edith Sauerborn, die das kreative Arbeiten nicht zuletzt als Therapie empfunden hat, hat gelernt, dass Gesunde und Demente in zwei Welten leben. "Wir müssen den dementen Menschen ihre Welt lassen."

Der Gruppe geht es indes nicht um das Biografische. Das Künstlerische, das Ästhetische hat für sie in einem Raum wie dem Museum im Vordergrund zu stehen. "Das Kunstwerk muss über die persönliche Betroffenheit hinausgehen", fordert Annette Kipnowski.

Der Kontakt zu Museumsdirektor Dr. Burkhard Schwering kam während der Essener Ausstellung zustande. "Je mehr ich mich in die Inhalte vertiefte, desto stärker wurde meine Absicht, die Bilder und Objekte in Kevelaer zu zeigen", betont er. Dass jeder die Krankheit Demenz verschieden wahrnehme und sich ihr auf dem jeweils eigenen Weg nähere, werde in der Ausstellung augenfällig. "Kein Kunstwerk gleicht dem anderen, denn jeder Fall ist anders."

Die Tatsache, dass die Mitglieder der Künstlergruppe fast alle die 60 überschritten haben, erklärt sich für Annette Kipnowski aus dem Sujet heraus. "Das Thema Demenz ist für jüngere Leute nicht machbar", stellt sie fest.

Quelle: RP
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