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Goch
Kurt Nickel schreibt über das Thema Alkoholismus

Goch. Das achte Buch des Gocher Autors ist erschienen. Es ist auch eine Erzählung über die eigenen Untiefen.

Kurt Nickel hat es sich nicht leicht gemacht, mit seinem neuesten Werk. "Es war mir wichtig, in diesem Buch den chronischen Alkoholismus anschaulich darzustellen und trotzdem einen für die Leser spannenden Roman fertigzustellen. Das war fürwahr nicht einfach. Es wäre bequem gewesen, einen ,fertigen' Alkoholkranken hervorzuzaubern und ihn zu beschreiben. Doch mir war es wichtig hervorzuheben, wie es zu dieser Krankheit kommt und wie sie sich in ihren Phasen aufbaut. Zudem wollte ich ausdrucksvoll schildern, in welchem Wechselbad der Gefühle sich ein Alkoholkranker befindet", sagt er.

In seiner 40-jährigen Tätigkeit in der Psychiatrie habe es unzählige Gelegenheiten gegeben, insbesondere in den Suchtbereichen, in denen er tätig war, Erfahrungen zu sammeln und die Vorgänge zu schildern. "Doch die wichtigste Erfahrung für mich war die Selbsterfahrung", sagt der Buchautor aus Goch. In den 1970er Jahren, als er seine Arbeit in der Psychiatrie begann, sei Alkohol für praktisch alle Kollegen das Mittel gewesen, den unglaublichen Stress ertragen zu können. "Man stelle sich einmal vor: Völlig allein zu sein, unter 50 ,Geisteskranken', wie man sie im seinerzeitigen Vokabular bezeichnete, , die teilweise alles kurz und klein schlugen. Nackte Angst, die natürlich keiner zugeben wollte, war der stete Begleiter. Alleingelassen in diesem System war für viele Kollegen der Alkohol ein Element, an das man sich klammerte und was sich beim Ertragen der Zustände als hilfreich erwies", sagt Nickel. Und so auch leider bei ihm selbst. Der Alkoholismus habe sich hochgezogen bis in die Führungsebenen, und auch viele Ärzte seien von ihm befallen gewesen.

"Es wird heute gern totgeschwiegen, wie ,versoffen' die Zustände in der Psychiatrie seinerzeit waren. Ein Kollege, der wenig oder gar keinen Alkohol im Dienst trank, war fast ein Exot und Außenseiter. Man musste praktisch mittrinken, um in die Gruppe aufgenommen und anerkannt zu werden. Und so unglaublich es klingen mag: Unmengen Alkohol wurde von den Kollegen auch in der Suchtaufnahmestation unserer ehemaligen Landesklinik getrunken", berichtet Nickel. Einer der damaligen Stationspfleger war msiner Ansicht nach selbst alkoholkrank und verbrachte seinen Dienst mit regelmäßigen Mundspülungen und Pfefferminzbonbons.

Irgendwie entsprach t es der Logik, dass bei den fortlaufenden Alkoholgenüssen eine Suchterkrankung nicht ausblieb, so Nickel. "Auch bei mir selbst blieb das nicht folgenlos, und ich hatte später Mühe, davon wieder loszukommen. Es gab in meinem Leben Zeiten, in denen mir der Alkohol wichtiger war als die Liebe zu Frau und Kindern. Doch das wäre eine eigenständige Geschichte", sagt er.

Er trinke jetzt seit vielen Jahren keinen Tropfen mehr. Irgendwann stand er vor der Entscheidung, den Alkohol loszulassen oder vor die Hunde zu gehen. "Ich entschied mich fürs Loslassen und für das Leben", sagt Nickel.

Lehrbücher über den Alkoholismus und Autobiographien Alkoholkranker gebe es massenhaft. Darum hat er versucht, die Krankheit in Verbindung mit einem spannenden Roman anschaulich darzustellen. Nickel: "Merksätze und ,Weisheiten', die ich in diesem Buch aufführe, sind Gedankengänge, die mir später, nachdem ich diesem Nervengift entsagt hatte, durch den Kopf gegangen sind. Sie stehen in keinem Lehrbuch und sind meine eigenen Schlüsse. Derart anschaulich ist das einzig möglich, wenn man diese Erfahrungen selbst durchlebt hat."

Quelle: RP
 
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