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Goch
Mit dem Nachtwächter auf Spurensuche

Goch: Mit dem Nachtwächter auf Spurensuche
Rob Miesen in der Kostümierung des Nachtwächters - eine eindrucksvolle Gestalt im abendlichen Goch. FOTO: Klaus-Dieter Stade
Goch. Von Henkern, Pumpenwärtern und Verrätern weiß Rob Miesen zu erzählen, den die Kultourbühne Goch im Winter für stimmungsvolle Stadtführungen einsetzt. Zwei Stunden Rundgang und ein Imbiss. Von Anja Settnik

Wer behauptet, seine Heimatstadt so gut zu kennen, dass er nichts Neues mehr über sie erfahren kann, der sollte mal die Probe aufs Exempel machen. Dazu bietet sich ein abendlicher Stadtrundgang mit dem "Nachtwächter" Rob Miesen an. Der, geborener Gocher mit Wohnsitz im benachbarten niederländischen Siebengewald, bietet in der dunklen Jahreszeit wieder stimmungsvolle Führungen an. Die nächste findet am Donnerstag, 10. Dezember, um 19.30 Uhr ab Klosterplatz statt. Bei der ersten in dieser Saison war die RP dabei.

Ein wallender dunkler Umhang umgibt den Nachtwächter, um den Hals hängt sein Signalhorn, in den Händen hält er Hellebarde und Laterne. Rund 30 Männer und Frauen in warmen Jacken und dicken Schuhen sind gekommen, um bei einem Spaziergang Gocher Stadtgeschichte in Verbindung mit etwas Mundart zu hören - es ist schließlich der Karnevalist und Hobby-Historiker Miesen, der hier den Takt vorgibt. Außerdem lernen die Gäste viel über die Herleitung von Redensarten.

Damit geht es gleich los: "Ein Hauen und Stechen" war in den mittelalterlichen Gassen nicht unüblich, und der Nachtwächter konnte nach Einschätzung unfreundlicher Zeitgenossen nicht viel mehr als "Tuten und Blasen". Dabei war gerade das überlebenswichtig, denn wenn es irgendwo brannte oder eine andere Gefahr bestand, war es an dem Wächter, mit seinem Horn Signal zu geben. Mit der Laterne mag er manchem Zecher "heimgeleuchtet" haben.

"Achtung, Stüppkes" warnt Miesen vor unbeleuchteten Stufen und erzählt seinen Mitwanderern vom ehemaligen Gocher Krankenhaus, von dem nur ein einziger Flügel erhalten ist, der lange Jahre als Stadtbücherei diente. Graf Otto II., der Goch die Stadtrechte verlieh, und Martin Schenk von Nideggen, in Goch geborener Söldnerführer des 16. Jahrhunderts, werden kurz angesprochen. Dann geht's weiter zur Maria-Magdalena-Kirche und zum Verbindungsgässchen zur Mühlenstraße. Dort lernen die Zuhörer, dass junge Leute hier früher erste Zärtlichkeiten austauschten.

Auf dem Marktplatz bekommen die Gäste erzählt, dass die heutige evangelische Kirche vor 1700 das "Gasthaus zum Heiligen Geist" war und dass im Rathaus - erst recht im benachbarten Haus zu den fünf Ringen - früher Bier gebraut und Schnaps gebrannt wurde. "Im Fünf-Ringe-Haus gibt es bis heute einen tiefen Brunnen, dessen Wasser die Bierbrauer nutzten", erzählt Miesen. Wasser war stets von eminenter Bedeutung. "In jeder Stadt gab es bis ins 18. Jahrhundert Pumpenwärter, die im Winter durch Bedienen des Pumpenschwengels dafür sorgten, das das Wasser nicht einfror", so Miesen.

Weitere Stationen sind die Susmühle, in deren Rad das Wasser der Niers einst so schön sauste, und natürlich das Steintor, das einzige erhaltene Eingangstor in die mittelalterliche Stadt. Die übrigen Tore - morsch, weil aus Holz - wurden zwischen 1800 und 1820 abgerissen. Fast vergessen: Das Steintor diente auch als Gefängnis und Folterkammer. Nicht zuletzt Poorte Jäntje, der Verräter, der den Spaniern mit einem Wachsabdruck des Vosstor-Schlüssels den Zugang zur Stadt ermöglichen wollte, war dort eingesperrt. Er richtete sich während der Haft im Steintor selbst, wurde aber für sein schandhaftes Verhalten noch nach dem Tod durch Vierteilen bestraft. "Der Gocher Galgen stand übrigens am Hunsberg, dem ,Hohen Berg'. Der Henker hängte Verbrecher aber nicht immer auf, es wurde auch geköpft oder Gift verabreicht", weiß der Nachtwächter.

Ein Abstecher zum Rest der Stadtmauer, die einst 2,2 Kilometer lang und sieben Meter hoch war, ist die letzte Etappe, bevor die Gruppe auf ein Getränk und eine Brotmahlzeit im Kolpinghaus verschwindet. Und dort noch mit Spaß das Erlebte Revue passieren lässt.

Quelle: RP
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