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Goch-Pfalzdorf
Mit Goethes Hilfe zum B 1-Zertifikat

Goch-Pfalzdorf: Mit Goethes Hilfe zum B 1-Zertifikat
Die Welt ist groß, und die jungen Leute auf dem Foto kommen aus vielen verschiedenen Ländern. Alle haben etwas gemeinsam: Sie wollen in Deutschland bleiben und die Sprache der neuen Heimat möglichst gut lernen. FOTO: Gottfried Evers
Goch-Pfalzdorf. Migranten aus Goch lernen in Seiteneinsteigerklassen in der Hauptschule Pfalzdorf Deutsch. Besonders Leistungsfähige unter ihnen bereiten sich auf die Prüfung am Goethe-Institut vor. Ein Studium ist das große Fernziel. Von Anja Settnik

Magdalena Stenmans hat die Herausforderungen, denen sich ihre Schützlinge derzeit stellen müssen, selbst längst gemeistert. Als sie als junge Frau aus Polen mit dem Wunsch nach Deutschland kam, die Sprache möglichst perfekt zu lernen, half ihr dabei das Goethe-Institut. Das hat so gut geklappt, dass Stenmans Germanistik studierte, Übersetzerin wurde und heute junge Leute in der Sprache unterrichtet, die ihr selbst schon lange nicht mehr fremd ist.

Bis dahin haben Mohammed, Christina und die anderen Jugendlichen, die eine Seiteneinsteiger-Klasse an der Hauptschule Pfalzdorf besuchen, noch viel zu tun. Einige von ihnen sind aber schon auf sehr gutem Weg. Unter den 34 Mädchen und Jungen, die in drei Niveau-Klassen unterrichtet werden, sind nämlich einige, die so begeistert und schnell lernen, dass sie in Kürze ihre B1-Sprachprüfung ablegen werden. Und zwar ganz offiziell beim Goethe-Institut in Düsseldorf. "Ich finde es wichtig, dass die jungen Leute ihre Leistung schwarz auf weiß beurkundet sehen. Das wird sie weiter motivieren", ist Stenmans überzeugt. Meist werde nur intern im Unterricht geprüft, aber ein Zeugnis des international renommierten Instituts habe natürlich eine andere Außenwirkung. So hofft die Lehrerin nicht zuletzt, dass diejenigen ihrer Schüler, die das Zeug dazu haben, demnächst auch am Gymnasium aufgenommen werden.

Die beiden Äthiopier Eyaya (15) und Johannes (12) sind dafür eindeutig Kandidaten. "Sie lernen sehr schnell und sind noch jung genug, um auf einer Regelschule Abitur zu machen", sagt Stenmans. Der zwölfjährige Johannes zum Beispiel hat sechs Schuljahre in Ostafrika hinter sich und durfte gemeinsam mit seinem Bruder auf dem Wege der Familienzusammenführung nach Deutschland einreisen. Sein Vater arbeitet hier schon seit vielen Jahren und möchte, dass die Söhne ihre Bildungschancen ergreifen. Was sie seit dem vergangenen Jahr gelernt haben, ist erstaunlich. Dabei konnten sie ebenso wie die anderen Seiteneinsteiger, die die Stadt Goch alle nach Pfalzdorf schickt, anfangs kein Wort Deutsch.

Xhane aus Albanien ist schon 18 und wird deshalb demnächst aufs Klever Berufskolleg wechseln - ebenso wie der fast gleichaltrige Mohammed. "Sie müssen erst ein Berufsorientierungsjahr machen, an dessen Ende der Hauptschulabschluss steht. Dann folgen eine Berufsausbildung und danach eine zweijährige Vorbereitung aufs Fachabitur", erklärt Stenmans. Xhane würde gerne Psychologie studieren. Mohammed sieht sich als künftigen Ingenieur. Christine aus Serbien hat das Praktikum im Altenheim gut gefallen. Ihr wurde dort bereits ein Ausbildungsplatz angeboten.

Mehrere der Jungs spielen in Gocher Vereinen Fußball, die Mädchen joggen. Alle nutzen ihr Schoko-Ticket, um sich die Region anzusehen. Strahlend berichten Steve aus dem Irak und Mohammed aus Syrien, dass sie schon in Düsseldorf und Krefeld waren. Dabei verzieht Abel aus Eritrea etwas das Gesicht, denn er hat Pech: Weil er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling im näher an Pfalzdorf gelegenen Anna-Stift untergebracht ist, hat er keinen Anspruch aufs Schoko-Ticket. Und kann seine Kumpels auf deren Exkursionen nicht begleiten. Vieles hat eben mit Geld zu tun.

Deshalb ist Magdalena Stenmans dankbar, wenn es nette Menschen gibt, die für Schulmaterial sorgen oder - wie die Landfrauen - die Prüfung am Goethe-Institut finanzieren. Die kostet pro fleißigem Schüler 120 Euro und wird, da ist die Lehrerin sicher, dazu führen, dass auch die folgenden Zertifikate (B 2, C 1, C 2) angestrebt werden. "Mit B 2 - und dem Abitur - darf ich studieren", weiß Eyaya. Sie klingt sehnsuchtsvoll, obwohl sie weiß, wie weit der Weg bis dahin noch ist. Aber schließlich hat ihre Lehrerin es auch geschafft. Die 42-Jährige, Migrantin wie sie, ist das große Vorbild der jungen Leute.

Über die Frage, ob sie überhaupt dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen, sprechen die Jugendlichen ungern. Einige Freunde vom Balkan sind kürzlich abgeschoben worden. Von einem Tag auf den anderen kamen sie nicht mehr zum Unterricht. Das zieht dann alle erst einmal runter. Bis ihre Lehrerin sie wieder packt: "Ihr müsst an euch und eure Zukunft glauben, dürft nicht aufgeben", sagt sie. Und dann nehmen wieder alle ihre Hefte vor.

Quelle: RP
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