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Goch-Kessel
Muttertag am Grab der Tochter

Goch-Kessel: Muttertag am Grab der Tochter
Silke und Mischa Ounanian am Grab ihrer Tochter auf dem Friedhof in Kessel. Zusammen mit den Geschwistern Mila und Joscha besuchen sie Nele auch am Muttertag. FOTO: Gottfried Evers
Goch-Kessel. Vier Wochen lebte die Tochter von Silke und Mischa Ounanian. Nele starb, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft schwer erkrankte. Mit Mila und Joscha bekam das Paar noch zwei Kinder. Von Peter Janssen

Auf dem Türschild des Einfamilienhauses in Kessel stehen die fünf Namen Mischa, Silke, Mila, Joscha und Nele Ounanian. Es leben hier jedoch nur vier Personen. Nele hat ihr Zuhause nie gesehen. Sie wurde nur vier Wochen alt. Am 7. November 2009 um 4.58 Uhr mit einem Gewicht von 890 Gramm geboren, starb sie am 7. Dezember in der Nimwegener Radboud-Klinik.

Kinder dürfen nicht vor ihren Eltern sterben: Es gehört zu den grausamsten Schicksalsschlägen, die das Leben bereithält. Silke (39) und Mischa Ounanian (40) verspürten zunächst Freude während der Schwangerschaft. Sie hatten Hoffnung nach der Geburt und mussten schließlich den Tod ihrer Tochter ertragen. Es war eine Zeit, die sie am Dasein zweifeln lässt.

Morgen ist Muttertag. Für Silke Ounanian gehört dieser Tag zu denen, die besonders wehtun. Geburts-, Todestag oder Weihnachten gehören ebenso dazu. "Wir hatten uns nach Neles Tod vorgenommen, den Tag zu ignorieren. Aber es ist nicht möglich. Auch weil man an jeder Ecke darauf aufmerksam gemacht wird", sagt die Grundschullehrerin. Auf die Frage, ob sie sich nach dem Tod von Nele überhaupt als Mutter fühlte oder nicht, fand sie damals keine eindeutige Antwort. Jahrelang war dieser Tag eine furchtbare Erfindung.

Es war der 3. November 2009, ein Dienstag, als die 39-Jährige in der 27. Woche ihrer Schwangerschaft von einer Krankheit hörte, die den Namen HELLP-Syndrom trägt. Dabei handelt es sich um eine in der Schwangerschaft auftretende, gefährliche Erkrankung, die tödlich verlaufen kann (siehe Infokasten rechts neben dem Foto). Zunächst ging es lediglich darum, auszuschließen, dass Silke Ounanian an dem HELLP-Syndrom leidet. Erste Untersuchungen brachten schnell Gewissheit. Die werdende Mutter war daran erkrankt. "Ich hatte Bilder von Kindern vor Augen, die an Schläuchen angeschlossen sind und bei denen man sich große Sorgen um ihre Entwicklung machen muss", sagt sie. Es vergingen Tage, an denen sich Hoffnung und Verzweiflung ein brisantes Duell lieferten. Silke Ounanian war zunächst nicht bewusst, dass auch sie durch die Krankheit hätte sterben können. Nur die Geburt des Kindes half ihr. Jedoch musste das Ungeborene mindestens noch 48 Stunden im Mutterleib bleiben. Die Lunge war noch nicht ausreichend entwickelt. Doch die beiden schafften es. Am 7. November wurde Nele im Klever Krankenhaus geboren. Ihr körperlicher Zustand war stabil. Die Ounanians waren glücklich. Ein Glück, das von kurzer Dauer sein sollte. Der Gesundheitszustand verschlechterte sich, Nele musste in die Radboud-Klinik verlegt werden.

Am Montag, 7. Dezember, klingelt um 6.30 Uhr das Telefon bei den Ounanians in Kessel. Der Anruf kommt aus der Radboud. Es sehe nicht gut aus, sagt eine Schwester mit bedrückter Stimme. "Die 30 Minuten Fahrt kamen uns wie eine Ewigkeit vor", so Silke Ounanian. In Nimwegen angekommen, bereitet der Arzt das Paar auf die schwierigsten Stunden ihres Lebens vor. "Nele wird den Kampf verlieren", sagt er. Das kleine Mädchen wird getauft, bevor man sie von allen Schläuchen befreit. Die Eltern gehen mit ihrem Kind in ein Ruhezimmer. Bis sie dort angekommen sind, soll Nele noch beatmet werden. Silke und Mischa Ounanian wollen alleine sein. Nele soll die letzten Momente ihres Lebens ruhig in ihren Armen liegen. Der Arzt kommt noch mal. Er hört die Herztöne ab. Es schlägt noch leicht. Nele ist ein starkes Mädchen. Der Abstand zwischen den Atemzügen wird länger. Der Vater nimmt seine Tochter noch einmal behutsam in den Arm. Dann geht Nele in eine andere Welt.

Knapp sechseinhalb Jahre später sitzt Silke Ounanian am Wohnzimmertisch und gibt dem acht Monate alten Joscha ein Milchfläschchen. Klötze, Rassel, Kinderbücher, ein kleines Zelt sind in dem Raum verteilt. An der Wand hängen zwei Bilder von Nele. Tochter Mila (4) ist im Kindergarten, ihr Mann im Garten. Mischa Ounanian, der Ingenieur ist, pflastert einen Weg hinterm Haus. Die Frau wirkt ausgeglichen. Sie hat gelernt, mit dem Schicksal umzugehen. Wenn sie von Nele erzählt, ist ihre Stimme ruhig und gefasst. Ihr Tod begleite sie das ganze Leben, so die Lehrerin. In der Anfangszeit stellte sie sich oft die Frage: Warum ich? Mit der Zeit hat sie gemerkt, dass viele werdende Mütter auch Probleme in der Schwangerschaft haben. "Wenn man sich für ein Kind entscheidet, dann liefert man sich dem Schicksal aus", sagt sie.

Die Zeit nach Neles Tod war schwer. Geholfen haben dem Paar Familie, Freunde und die Selbsthilfegruppe für trauernde Eltern "Gute Hoffnung, jähes Ende", die es seit 1994 gibt und von der Kleverin Elisabeth van Gemmeren geleitet wird. Wer ein Kind verloren hat, dem wird Hilfe für die unterschiedlichsten Lebensbereiche angeboten. Von der Trauerarbeit bis hin zu einer Rückkehr in den Alltag. So belastete Silke Ounanian in den ersten Wochen nach dem Tod der Umgang mit anderen Menschen. "Vielen fehlte die Unbefangenheit uns gegenüber. Wenige wollten gar nicht mit uns sprechen, gingen uns aus dem Weg", erzählt die Mutter rückblickend. Schweigen sei oft schmerzlicher gewesen, als auf den Verlust angesprochen zu werden.

Mischa Ounanian besucht Nele jeden Tag. Er geht zum Grab seiner Tochter auf dem Friedhof in Kessel und denkt an die wenigen Wochen, die er und seine Frau mit Nele verbringen durften. Auch morgen, am Muttertag, wird die Familie Ounanian zu Nele gehen. Es ist einer dieser Tage, die immer wehtun werden. Doch sie haben ihren Frieden mit dem Geschehenen gemacht und sind glücklich. Das Leben hat der Familie noch zwei Kinder geschenkt. Doch der Schmerz wird bleiben, um das eine, das ihnen genommen wurde.

Quelle: RP
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