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Goch
Stadt: "Die Niers ist kein Badegewässer"

Goch: Stadt: "Die Niers ist kein Badegewässer"
Grabkerzen und Teelichter sind das einzige Zeichen für das schreckliche Unglück vom Sonntagnachmittag. FOTO: Evers Gottfried
Goch. Obduktion des Kindes ergab "Tod durch Ertrinken". Hochwasser ist gefährlich: Kanu-Verleiher haben Paddelbetrieb eingestellt und Anlegestellen gesperrt. Rettungsring an der Niers fehlte. Verwaltung: "Wird zehnmal im Jahr gestohlen." Von Anja Settnik

22 Grad, wolkenloser Himmel - prächtiges Frühsommerwetter. Doch an diesem Tag planscht niemand am Ufer der Niers, denn seit Sonntagnachmittag trügt die Idylle an der Gocher Nierswelle: Das eigentlich zahme Gewässer hat ein Todesopfer gefordert. Rote Grabkerzen am Ufer weisen darauf hin. Ein Zehnjähriger aus Albanien, mit seinen Eltern als Flüchtling nach Goch gekommen, ist in der Nierswelle ertrunken. Dies bestätigte die Obduktion, die gestern durchgeführt wurde. Vertreter der Stadt Goch waren am Morgen zum Ortstermin zusammengekommen, um sich ein Bild der Lage zu machen.

Die Nachricht vom Unglück hatte sich in Goch schnell verbreitet. Zum Zeitpunkt des Geschehens waren viele Menschen im Park, der mit seinen weit geschwungenen Stufen, deren unterste ins Wasser mündet, an warmen Tagen eine echte Attraktion darstellt. Ein schöner Kinderspielplatz liegt ein paar Meter zurück, es gibt öffentliche Toiletten. Ein beliebter Treffpunkt. Nicht zuletzt Migranten, die ja häufig in einer Wohnung ohne Garten leben, zieht es in öffentliche Grünanlagen. Zumal solche mit Wasser.

Das Kind wurde unter dem Ponton von einem Taucher gefunden. FOTO: Evers

"Die Niers ist aber kein Badegewässer", sagt Margit Heinz vom Niersverband. Vorstand und Mitarbeiter seien schockiert und warnten, ebenso wie der Rhein und andere Flüsse sei die Niers nicht fürs Baden gedacht. Wenn es auch nicht ausdrücklich verboten sei, so werde doch vom Schwimmen abgeraten, denn weder würden die hygienischen Verhältnisse in bezug aufs Schwimmen überprüft, noch gebe es eine Aufsicht. "Wenn sich Kanufahrer mal kurz erfrischen, wird das akzeptiert. Mehr sollte es aber auch nicht sein. Und bei Hochwasser ist die Strömung stark." Laut Heinz müsste es dennoch einem erwachsenen Schwimmer möglich sein, sich ans Ufer zu retten, doch gilt das auch für ein Kind?

Die Polizei hat ermittelt, dass durchaus jemand sah, wie das Kind unterging. "Daraufhin sind mehrere Erwachsene ins Wasser gesprungen, konnten das Kind aber nicht finden", so Pressesprecher Michael Ermers. Bedenklich: Es gab keinen Rettungsring, denn die Vorrichtung am Ufer, die normalerweise ein solches Hilfsmittel enthält, war aufgebrochen worden. "Der Rettungsring wird ungefähr zehnmal im Jahr gestohlen. Zuletzt wurde der Verlust vor zehn Tagen bemerkt, und unser Vorrat war gerade aufgebraucht", erklärt Stadtsprecher Torsten Matenaers. Neue seien bestellt. Wobei auch er betont, dass die Niers kein Badegewässer ist.

Der albanische Junge besuchte eine der beiden Seiteneinsteigerklassen der Gocher Arnold-Janssen-Schule für Flüchtlingskinder. Kirsten Wamers, die Rektorin der Grundschule, zeigte sich gestern ebenfalls erschüttert. Über die Polizei hatte sie noch am Sonntag von dem Unglück erfahren. "Jeder kannte E., der ein sehr kontaktfreudiger und offener Junge war." Dass er schwimmen konnte, glaubt die Schulleiterin eher nicht. Erst vor wenigen Monaten war er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen, besuchte noch keine Regelklasse, mit der er an einem Schwimmkursus teilgenommen hätte. Nun haben die Kinder zur Erinnerung Blumen und Kerzen aufgestellt. Die Lehrer und Pastoralreferent Werner Kühle versuchen, die Fragen der Kinder zu beantworten.

Als die DLRG-Taucher aus Weeze, die gemeinsam mit den Bootstrupps aus Goch und Kleve zur Nierswelle gerufen worden waren, nach dem Jungen suchten, waren auch die Eltern des Kindes dabei. "Beide kollabierten und kamen ins Krankenhaus", berichtet Matenaers. Notfallseelsorger kümmerten sich um die Angehörigen, die bis gestern nicht vernehmungsfähig waren. Warum hat niemand dem Kind helfen können? "Es war am Sonntag proppevoll an der Nierswelle. Viele Leute waren in der Nähe. Die Auswertung der Zeugenaussagen ist aber Sache der Polizei", so Matenaers.

Hanns Evers, Einsatzleiter der Rettungstaucher aus Weeze, war von der Kreisleitstelle zeitgleich mit der Feuerwehr um 14.50 Uhr alarmiert worden. Innerhalb weniger Minuten erreichte sein Team das Ufer, zwei Taucher gingen ins Wasser. "Ein Kollege fand das Kind unterhalb des Pontons, holte es hoch und reichte es mir an. Ersthelfer begannen sofort mit der Reanimation, die nur Sekunden später der Notarzt übernahm", berichtet Evers. Doch es war zu spät - der Junge war etwa eine Dreiviertelstunde unter Wasser gewesen und starb im Krankenhaus.

Nicht erst seit dem schrecklichen Unfall ist den Kanu-Verleihern bewusst, dass die Niers bei Hochwasser längst nicht so harmlos ist wie sonst. Daniel van Bonn, Eigentümer des "Kesseler Bootsverleihs" und Vorsitzender des Vereins "Wassertourismus Niers", erklärte gegenüber der Rheinischen Post, er habe den anderen Paddelveranstaltern vor dem Wochenende geraten, die Anlagestellen zu sperren und derzeit keine Boote zu vermieten - das Risiko sei zu hoch. "Die Niers fließt derzeit einfach zu schnell, man kommt unter einigen Brücken gar nicht durch." Den Biergarten seines Ausflugslokals "Jan an de Fähr" in Weeze hat das Hochwasser komplett überschwemmt; vorerst können Ausflügler dort nicht sitzen. Auf den höher gelegenen Stufen der Nierswelle hingegen hocken Gocher und trauern.

Quelle: RP