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Goch/Grafenwald/Rom
Steyler führt Touristen durchs Totenreich

Goch/Grafenwald/Rom: Steyler führt Touristen durchs Totenreich
Unter den Straßen von Rom liegen die Domitilla-Katakomben. Direktor Uwe Heisterhoff ist Steyler Missionar, er leitet die Katakomben seit sechs Jahren. FOTO: Bischöfliche Pressestelle / Christian Breuer
Goch/Grafenwald/Rom. Uwe Heisterhoff ist Steyler Missionar und zeigt Touristen die Gräber der ersten Christen in Rom.

China, die Philippinen, Japan - in zahlreichen Ländern rund um den Erdball sind Steyler Missionare aktiv, um das Wort Gottes zu verkünden. Den Grundstein dafür legte vor vor mehr als 100 Jahren der gebürtige Gocher Arnold Janssen. "Goch kenne ich, vor allen Dingen aber Steyl", sagt Uwe Heisterhoff. Dass er mal Touristen durch die Gräber der ersten Christen in Rom führen würde, das hätte er damals nicht gedacht. Und auch Arnold Janssen wird kaum geahnt haben, dass Brüder seines Ordens einst über die letzten Ruhestätten der Märtyrer wachen würden. Heisterhoff blickt an die Wand seines hellen Büros, direkt neben dem Eingang zur Unterwelt. Von einem Bild lächelt Arnold Janssen seinem Missionar zu, den es vom Niederrhein über Bolivien nun in die Ewige Stadt verschlagen hat.

Seine Herkunft kann Bruder Uwe Heisterhoff nicht verbergen. Der Steyler Missionar ist Grafenwald bei Bottrop aufgewachsen, mitten im Ruhrgebiet, an der Grenze zwischen dem Bistum Münster und dem Ruhrbistum. Obwohl er seit vielen Jahren nicht mehr dort lebt, haben sich sein "dat" und "wat" ebenso erhalten wie die herzlich-raue Offenheit des Ruhrpottlers. "Ich komm' ausse Arbeitswelt", sagt er lachend - Heisterhoff ist gelernter Maschinenschlosser und Schweißer. Erst mit 25 Jahren hat er sich dazu entschlossen, Missionar zu werden. "Mein Traum war es, nach China zu gehen", sagt er.

Mittlerweile ist er 55 Jahre alt, sitzt in einem Büro an der Stadtgrenze von Rom, schlürft einen Kaffee aus einem Plastikbecher, bevor er sich trotz sommerlicher Temperaturen eine dicke Jacke anzieht. Es geht in die Unterwelt der Stadt. Dorthin, wo die ersten Christen vor 1900 Jahren ihre Toten bestatteten. Wo Besuchern heute beim ersten Betreten ein Schauer über den Rücken läuft. Es geht hinab in die Katakomben der Domitilla.

Heisterhoff kennt sich in den verwinkelten, dunklen Gängen aus, geht mit sicherem Schritt voran. Seit sechs Jahren ist er der Direktor des unterirdischen Gräberfeldes aus der Antike. "Kopf einziehen!", ruft er den Besuchern zu. Dann beugt er sich selbst vor, um nicht anzustoßen. "Mein Wunsch war es immer, in die Mission zu gehen", sagt er, nachdem er die enge Stelle passiert hat und muss grinsen. Er deutet auf die dunklen Gänge mit den Gräbernischen, durch die gerade eine bunt gekleidete Touristengruppe geführt wird. "Auf den ersten Blick hat das hier nicht viel mit Mission zu tun, oder?"

Im Zivildienst merkte der Maschinenschlosser, dass er eine Gabe dafür hat, mit Menschen zu arbeiten. Auf einer Krankenstation begleitete er Sterbende auf ihrem letzten Weg. Drei Jahre als Krankenpfleger schlossen sich an. Damals entdeckte er sein Interesse für das Klosterleben, besuchte Ordensgemeinschaften, die Vorträge oder Einkehrwochen anboten. Im niederländischen Steyl fiel schließlich die Entscheidung, dem Orden der Gesellschaft des Göttlichen Wortes beizutreten - so heißen die Steyler offiziell.

Es folgten Jahre des Lernens, der Selbstfindung. "Das war manchmal ganz schön hart", erinnert sich Heisterhoff. Es ist ein Moment, in dem er nachdenklich wird, kurz innehält. "Gott sei Dank bin ich dann nach Bolivien gekommen", erzählt er schließlich weiter. Im Hochland von El Alto bei La Paz lernte er eine andere Welt kennen. "Das Leben in Bolivien ist nicht ganz einfach, aber ich habe immer alles geschafft", blickt er zurück. 15 Jahre lang wirkte er dort als Missionar, half in der Krankenpflege und lud die Menschen zur Bibelarbeit ein. Dann kam vom damaligen "General" - gemeint ist der Generalsuperior, also der Mann an der Spitze der Steyler Missionare - die Bitte, als Direktor der Katakomben nach Rom zu gehen. "Vorher lebte ich mehr als 4000 Meter hoch, jetzt bin ich im Untergrund", sagt er und muss wieder laut lachen.

Dass die Katakomben etwas mit Mission zu tun haben können, mit diesem Gedanken musste sich Heisterhoff erst anfreunden. So wie sein Orden: Die Steyler Missionare, deren Gründer Arnold Janssen aus Goch am Niederrhein stammte, kümmern sich um die heutige Gedenkstätte und Touristenattraktion erst seit dem Jahre 2009.

Durch die beeindruckende unterirdische Basilika - allein in ihr könnte der Katakomben-Direktor stundenlange Führungen anbieten - geht es wieder zurück ans Licht, an die Oberfläche, in die Welt der Lebenden. Im Büro ist Heisterhoff weniger der begeisterte Führer, dafür umso mehr der Direktor, der während des Gesprächs noch schnell ein paar administrative Dinge klärt. Er rührt den mittlerweile erkalteten Kaffee in dem Plastikbecher um, den er schon die ganze Zeit festhält, dann leert er ihn mit einem langen Schluck und zuckt mit den Schultern: "Italienisch musste ich auf die Schnelle lernen, richtig gut kann ich es nicht. Aber zur Verständigung reicht es."

Dass der Übergang vor sechs Jahren funktionierte, das habe er seinem Team zu verdanken. "Manfred Wendel ist seit mehr als 20 Jahren dabei. Ohne ihn hätte ich das gar nicht gepackt", gibt Heisterhoff unumwunden zu. Und auch die Hilfe seines Mitbruders Reinhard Niesel, inzwischen 77 Jahre alt, nimmt er noch gerne an. Doch nach sechs Jahren in Rom zieht es ihn wieder in die Welt hinaus. Aktuell wird im Orden ein Nachfolger für die Leitung der Domitilla-Katakombe gesucht. Wohin Heisterhoff dann geschickt wird? Er weiß es nicht. Nur, dass er sich der neuen Aufgabe stellen wird.

(pbm/cb)
 
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