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Goch
Zum Abschied eine Kuh

Goch. Auf einem Bauernhof Magd sein – das konnte die Hölle werden oder auch ein kleines Stück Paradies. Die Mutter des Kesseler Mundartautors Franz Giesbers erlebte letzteres. Der RP erzählte er die anrührende Geschichte "van de Palz". Von Thomas Claassen

Kartoffeln schälen! Für den fünfjährigen Franz war es das Größte. Mit Mutter am Herd sitzen, gegenüber, "Kneje täge Knejkes".

Mag sein, es war in der Karwoche, als sie die wunderschöne Geschichte erzählte – ihre eigene nämlich. Franz Giesbers erinnert sich: Mit gut 13 Jahren konnte sie schon die Schule verlassen – wegen ihrer guten Noten. Studieren, das war damals natürlich nicht drin: Mutter war das 13. Kind der Familie Peters aus Ven-Zelderheide."

So kam die junge Helene 1899 dann als Magd auf den Bauernhof der Geschwister Hans nach Pfalzdorf. "Die Geschwister nahmen sie auf, als ob es ihr eigenes Kind gewesen wäre", erzählt Franz Giesbers. "Weil sie so großes Heimweh hatte, durfte sie jeden Sonntag nach Hause. 16 Kilometer hin, 16 Kilometer zurück. Zu Fuß natürlich..."

Keine Chance

18-jährig lernte Helene in Ottersum auf der Kirmes Wilhelm Giesbers kennen – "einen schnassen Soldaten aus Zwolle", so Sohnemann Hans. "Das passte Vater Peters aber nicht. Der wünschte sich nämlich einen Bauern als Schwiegersohn, und so kam dann der Bauer Drißen aus Frasselt mit der Sääs, der Kutsche, und wollte mit der hübschen Helene freien.

Bei der aber konnte er nicht landen. Besagter Bauer war groß, stark. Und er wog 360 Pfund. "Wenn der mich dünnes Ding von 57 Kilogramm umarmte, lief es mir kalt den Rücken runter!" Helenes Oma half, richtete aus, sie möge ihn nicht.

1914 dann heirateten Helene und Wilhelm Giesbers. "Die beiden kauften sich eine Katstelle mit sechs Morgen Land. Daher hieß es Abschied nehmen von den geliebten Geschwistern Hans", so Franz Giesbers. "Als Hochzeitsgeschenk überbrachte der Bauer Hans mit seiner Schwester eine Kuh, ein Schwein, 20 Hühner, und, weil meine Mutter sie so gerne mochte, eine Katze und einen Hund."

Ein wirklich unglaublich kostbares Geschenk! "Weil zu der Zeit vor 100 Jahren aber immer darüber gemunkelt wurde, wenn ein Bauer seiner Magd eine Kuh schenkte, bat meine Mutter darum, die Tiere erst spät am Abend zu bringen. Denn die Nachbarsfrau in Kessel sah alles, hörte alles und ,bäbbelte' viel", so Giesbers. "Also kam der Bauer kurz vor Mitternacht mit den Geschenken. Aber Nachbars-Ann hatte es gesehen. Am nächsten Morgen kam sie – natürlich rein zufällig – vorbei und sagte: ,Der Bauer hat Dich wohl gut leiden mögen, dass er um Mitternacht noch eine Kuh brachte."

Nicht auf den Mund gefallen

Darauf Helene Giesbers, nicht auf den Mund gefallen: "Ja, die Schwester gab auch noch ein Schwein dazu und 20 Hühner. Und es kommt nichts hinterher, wenn Du das meinst." "Dann ist ja alles gut", sagte Ann. Und weg war sie.

Franz Giesbers: Meiner Mutter Sprüchsken war: ,Seid immer nett zu den Protestanten. Das sind die besten Leute der Welt!" Und an diesen Satz habe er sich 1984 erinnert: "Da rief mich eine Frau an, ob ich noch den St. Martin spielen könnte. Da verneinte ich, denn ich kam schon zu drei Stellen. Als ich nachfragte, wo es wäre, und ich hörte, dass es der evangelische Kindergarten Stechbahn in Kleve war – da konnte ich nicht nein sagen..."

Quelle: RP
 
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