| 00.00 Uhr

Grevenbroich
Als die Eskimos noch aus Elsen kamen

Grevenbroich: Als die Eskimos noch aus Elsen kamen
Zur Erntesaison wuchs die Belegschaft bei Grönland auf rund 400 Beschäftigte. 1942 war die Konservenfabrik von Düsseldorf nach Elsen gezogen. FOTO: Stadtarchiv Grevenbroich
Grevenbroich. Die Gemüse- und Obstkonservenfabrik "Grönland" war Vorreiter für Tiefgekühltes, lieferte in ganz Deutschland aus.Nach mehr Pioniere aus der Schlossstadt sind heute in unserer Beilage "Grevenbroich - genial!" zu finden. Von Carsten Sommerfeld

Gemüse, Pizza und ganze Menüs für den Mittagstisch - Tiefkühlkost in Gefrierschrank oder -truhe fehlen heute in kaum einem Haushalt. Einer der Vorreiter bei der Tiefkühlkost-Herstellung saß in Grevenbroich, schon der Name weckt Assoziationen an Eisiges: die Gemüse- und Obstkonservenfabrik "Grönland GmbH", die auch Speiseeis im Angebot hatte. "Als eine der ersten Firmen in Deutschland nahm sie die Herstellung von Tiefkühlobst und -gemüse auf", erläutert Thomas Wolff vom Stadtarchiv. Das Markenzeichen der Firma: ein kleiner, lächelnder Eskimo.

Vor 75 Jahren, 1942, zog das Unternehmen von Düsseldorf - die Produktionsstätte dort war Bomben zum Opfer gefallen - nach Elsen auf das Areal der ehemaligen Zuckerfabrik. Ein Standortvorteil: Höfe, die "Grönland" mit Gemüse versorgen konnten, gab es reichlich im Umland. Schon kurze Zeit nach der Umsiedlung gesellten sich zu den Konserven die Tiefkühlprodukte. "Einer der hauptsächlichen Abnehmer dürfte damals das Militär gewesen sein", sagt Thomas Wolff.

Nach den Jahren der Entbehrung trat ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre Tiefgekühltes, das sich rasch in eine Mahlzeit verwandeln ließ, den Siegeszug auch in deutschen Familien an - moderne Gefrierschränke machten es möglich. Lagen darin zunächst vor allem etwa Spinat und Fischstäbchen, kamen immer weitere Produkte dazu. Nach wie vor aber machte auch die Konservendose mit ihrem haltbarem Inhalt einen großen Teil der Produktion im Elsener Betrieb aus.

Mit der "Grönland GmbH" groß geworden ist Werner Schneider, der heute 70-Jährige war in den 40er Jahren als Kind mit seiner Familie in eine Wohnung auf dem Werksareal gezogen. "Auf dem Gelände gab es viel Platz zum Spielen. Und wir wollten natürlich dorthin, wohin wir nicht durften - zu den Produktionshallen", erzählt er. Manchmal wurde ein Wunsch des Jungen erfüllt - mal mit im Lastwagen rauszufahren. "Aber dann musste man auch mit beim Beladen anpacken." Wie sein Vater, begann auch Werner Schneider bei "Grönland". Er wurde Vorarbeiter, Meister, arbeitete als Elektriker in der Instandhaltung. Und er erinnert sich gut an die Erntesaison, wenn die Zahl der Beschäftigten auf bis zu 400 anstieg.

Das Gemüse stammte von Vertragshöfen aus der Region oder wurde aus Nachbarländern angeliefert. Erbsen, Bohnen, Spinat und anderes wurden zur Erntezeit in Mengen von Kisten abgeladen. "Da hat keiner nach der Zeit gefragt. Wenn die Ernte auf dem Hof stand, konnte die nicht liegenblieben, sie musste verarbeitet werden", sagt Werner Schneider. Auf 280 bis 320 Arbeitsstunden im Monat seien Mitarbeiter in der Saison gekommen.

Für lange Haltbarkeit sei das Gemüse, wie Schneider erzählt, in der geschlossenen Konserve auf bis zu 130 Grad erhitzt worden. Tiefkühlkost sei "blanchiert, vorgekocht und schockgefrostet" worden. ",Grönland' lieferte in ganz Deutschland aus, war einer der größten Lieferanten", sagt Schneider. Das Magazin "Der Spiegel" berichtete 1968, dass sich Josef Neckermann mit der Tiefkühlfirma ,Grönland' zusammengetan habe, deren Großhändler Neckermann-Kunden "von Sylt bis zum Bayrischen Wald" versorgten.

Doch nach mehreren Übernahmen und Umbenennungen folgte im Juni 1978 das Aus, der Betrieb in Elsen wurde geschlossen. "Ich bin mit als einer der Letzten rausgegangen. Es war ein schlimmes Gefühl", sagt Schneider, der danach vier Semester studiert hat und dann in einem Ingenieurbüro arbeitete.

Seine frühere Arbeitgeber-Firma hat die Boomzeiten nicht mehr erlebt: Lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei Tiefkühlkost in Deutschland vor 50 Jahren bei etwa zwei Kilo, stieg er bis 2016 auf rund 45 Kilogramm an. Übriggeblieben sind von "Grönland" etwa Konservendosen und andere Zeugnisse im Museum in der Villa Erckens. Und der Name Grönland-Viertel erinnert an dreieinhalb Jahrzehnte Konserven und Tiefkühlpäckchen aus Elsen.

Info In der heutigen Ausgabe liegt die Beilage "Grevenbroich - genial!" bei - mit genialen und besonderen Grevenbroichern sowie vielen Infos zum City-Frühling .

Quelle: NGZ
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Grevenbroich: Als die Eskimos noch aus Elsen kamen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.