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Grevenbroich
Als Elfgen dem Bagger zum Opfer fiel

Grevenbroich. Im Umsiedlungsdorf Borschemich bei Erkelenz wurde jetzt die Kirche abgerissen. Das weckt Erinnerungen bei den Elfgenern und Belmenern, die in den 1970er Jahren ihre Heimat für den Braunkohlentagebau opfern mussten. Von Christian Kandzorra

Der Tagebau war immer ein Nachbar. "Wir haben lange Zeit mit den lauten Kettenbaggern bei Gustorf gelebt", erinnert sich Wolfgang Heyers beim Spaziergang durch Neu-Elfgen. Als vierjähriger Junge zog der heute 74-Jährige mit seiner Familie nach Elfgen - dem Straßendorf zwischen Grevenbroich und Jüchen, das eine mehr als 2000-jährige Geschichte hatte.

Dort ging er auf die Volksschule, an der Mitte der 1950er Jahre der Hauptlehrer Matthias Braß unterrichtet. "Manchmal haben wir einen Schulausflug zur Grube gemacht", erzählt Heyers. Wenn er über seine alte Heimat nachdenkt, dann sprudeln die Erinnerungen. Das geht auch Regina und Theo Offermann und Toni Schläger so. "In Elfgen kannte jeder jeden", sagt Toni Schläger. "Der Ort war beschaulich. Wir Jungs kannten uns aus der Nachbarschaft und aus der Schule. Abends trafen sich die Leute auf den Straßen und plauderten."

Eines Tages werden wohl auch die Bewohner des Ortes Borschemich bei Erkelenz in solchen Erinnerungen an ihre alte Heimat schwelgen. Ihr Ort gleicht nach dem Abriss der Kirche vor wenigen Tagen einem Geisterdorf. Nur noch wenige Häuser stehen an den schlammigen Straßen, die Eingänge und Fenster zugemauert oder mit Brettern versehen. Fast alle Bewohner haben ein paar Kilometer weiter neu gebaut und müssen allmählich Abschied nehmen. Denn die Schaufeln der Großraumbagger stehen nicht still. Unaufhaltsam "fressen" sie sich durch die Landschaft - Tag und Nacht, bei jedem Wetter.

Heute geht der Abbau schneller als in den Nachkriegsjahren, als noch niemand in Borschemich an eine Umsiedlung dachte. Den Bewohnern der Landgemeinde Elfgen und des Dorfes Belmen im damaligen Verwaltungsamt Jüchen schien "die Braunkohle" auch weit entfernt - bis Anfang der 1950er Jahre die ersten Gerüchte aufkamen, ob das Abbaufeld Frimmersdorf-West nicht doch das große Hindernis, die Bundesstraße 1, überquert. "Wir haben lange Zeit mit der Ungewissheit gelebt", erinnert sich Toni Schläger (77). Lange Zeit war nicht klar, ob der Tagebau kommen wird - und wenn doch, wohin die rund 700 Einwohner aus Elfgen und die rund 400 Einwohner aus Belmen bei einer Umsiedlung ziehen sollten.

Diese Ungewissheit schlug zum Ende der 1950er Jahre in Empörung um. Der Hauptlehrer Matthias Braß, der gleichzeitig Vorsitzender der Elfgener Dorfgemeinschaft war, notierte 1957 in der Schulchronik, dass die Bevölkerung "merkwürdigerweise im Dunkeln gelassen" werde. Ein Jahr später berichtete die NGZ: "Man kann fast in jeder Ratssitzung den energischen Protest der Elfgener dagegen hören, dass man ihnen als Ersatz für ihre Heimat irgendwelche vage Versprechungen bieten will." Auch Elfgens Bürgermeister Helpenstein setzte sich damals für die Rechte seiner Mitbürger ein - obwohl der Ratsvorsitzende selbst im Bergbau arbeitete. Im Mai 1959 stimmten die Bewohner der beiden Dörfer schließlich konkret darüber ab, wohin sie umsiedeln wollen, falls der Tagebau kommt.

Zur Wahl standen zwei Standorte: der eine bei Jüchen-Herberath, der andere zwischen Laach und Elsen. Die Bewohner beider Orte entscheiden sich mit 76,5 Prozent (Elfgen) und 86,1 Prozent (Belmen) für den Standort Laach. "In den Orten wurde damals lebhaft über den neuen Standort diskutiert. Aber es war immer noch nicht sicher, ob die Umsiedlung überhaupt kommen würde", berichtet Zeitzeuge Wolfgang Heyers. Klarheit schaffte der damalige NRW-Ministerpräsident Franz Meyers (CDU), der im August 1959 grünes Licht für die Ausweitung des Braunkohlentagebaus gab und damit das Schicksal der beiden Dörfer endgültig besiegelte.

Aus verschiedenen Presseberichten in der sorgfältig geführten Schulchronik, die im Stadtarchiv Grevenbroich lagert, geht hervor, dass die Rheinbraun AG (heute RWE Power) bereits Anfang der 60er Jahre erste Häuser in Elfgen und Belmen kaufte und sie abreißen ließ. Außerdem wurde ein Baustopp in den Dörfern verhängt, die dadurch nicht mehr wachsen konnten. Das alles erlebte Hauptlehrer Matthias Braß nicht mehr. Er starb 1960 im Alter von 62 Jahren an einem Herzinfarkt.

Wie die NGZ berichtete, durchbrach der erste Eimerkettenschwenkbagger (ein Vorgänger des heutigen Großraum-Schaufelradbaggers) zum 1. Oktober 1961 tatsächlich die Bundesstraße 1 in Richtung Elfgen. Wie Belmen schrumpfte der Ort zu dieser Zeit. Vor allem junge Menschen zogen fort, weil sie keine Wohnung fanden. Auch Wolfgang Heyers verließ Elfgen 1964 - in dem Jahr, in dem die eigenständige Landgemeinde Elfgen im Amt Jüchen offiziell aufgelöst wurde und mit Belmen in die Stadt Grevenbroich überging. Seine Nachbarn Regina und Theo Offermann und Toni Schläger blieben länger im alten Ort: Sie zogen Mitte der 1970er Jahre nach Neu-Elfgen. "Ich bin im alten Elfgen geboren und getauft worden, habe dort mit zur Kommunion gegangen, habe geheiratet und zum Schluss sogar noch mit meiner Frau die silberne Hochzeit gefeiert", erinnert sich Toni Schläger, der seine alte Heimat gerne rekonstruiert. "Es gab vier Bäckereien, zwei Metzger, fünf Kneipen und einen Tante-Emma-Laden, in dem man sämtliche Lebensmittel kaufen konnte."

Wie Familie Schläger verfolgten auch die Offermanns zu dieser Zeit den langsamen Tod ihrer alten Heimat. "Wir waren beim Abriss unserer Häuser dabei. Viele Sachen wurden geplündert. Rheinbraun hatte die leerstehenden Häuser damals noch nicht so geschützt wie heute", erzählt Regina Offermann (70). Mit ihrem Mann Theo (73) schaut sie sich regelmäßig eine Luftaufnahme von Elfgen an. Sie stammt aus den 70ern und hängt heute als Erinnerungsstück im Flur ihres Hauses in Neu-Elfgen/Belmen, einem Stadtteil, der den alten Dörfern kaum ähnelt. "Natürlich war die Umsiedlung nicht leicht. Auch die Entschädigungen waren vielfach knapp bemessen. Aber die Umsiedlung hatte auch ihre Vorteile. Die Häuser waren danach moderner und die Kinder hatten kürzere Schulwege", sagt Regina Offermann.

Quelle: NGZ
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