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Grevenbroich
Auf den Spuren eines Star-Fotografen

Grevenbroich: Auf den Spuren eines Star-Fotografen
Otto Renard hatte ein Atelier an der Schadowstraße in Düsseldorf. Er durfte sich nach Erhalt einer goldenen Medaille des Zaren Nicolai II. "Hof-Fotograf" nennen.
Grevenbroich. Der Fotokünstler Otto Renard aus Düsseldorf setzte 1903 im Auftrag der evangelischen Kirche Teile von Wevelinghoven und Grevenbroich in Szene - darunter auch Gebäude, die es bis heute gibt. Jetzt sind die historischen Bilder aufgetaucht. Von Christian Kandzorra

Das erste Foto der Welt wurde nach heutigem Wissenstand im Frühherbst 1826 in Frankreich aufgenommen. Joseph Nicéphore Niépce hieß der Erfinder, der damals acht Stunden lang den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers belichtete. Das Ergebnis: ein verschwommenes, schwarz/weißes Bild, auf dem schemenhaft ein Innenhof zu erkennen ist. Wirklich durchsetzen konnte sich Niépce mit seiner Heliografie allerdings nicht - erst mit Erfindung der Negativ-Technik wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch im Rheinland die ersten Fotos geschossen.

Genau 77 Jahre nachdem das erste Foto der Welt entstand, machte sich der Düsseldorfer Fotokünstler Otto Renard mit seinen Plattenkameras, Stativen und Lichtern auf den Weg nach Wevelinghoven und setzte Teile der Gartenstadt sowie Teile Grevenbroichs im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde in Szene. Insgesamt 14 seiner lebendigen Aufnahmen sind bis heute in einem ledergebundenen, großformatigen Fotoalbum erhalten. "Das Album ist heute ein kostbarer Schatz", sagt Helmut Coenen. Er ist im Kirchenvorstand von St. Martinus Wevelinghoven aktiv und hat sich nach einem Hinweis von Pastor Hans-Hermann Moll gemeinsam mit der Journalistin Birgit Wilms aus Korschenbroich mit dem Album und dem Fotokünstler beschäftigt.

Diese Kapelle steht bis heute vor dem Museum Villa Erckens auf der Grevenbroicher Stadtparkinsel: Oskar Erckens ließ sie vor mehr als 115 Jahren für evangelische Fabrikarbeiter bauen. Otto Renard hat das Gotteshaus fotografiert. FOTO: renard

Natürlich gibt es einige historische Fotos, die Ansichten aus Wevelinghoven und Grevenbroich zeigen. "Mir sind jedoch keine bekannt, die qualitativ so hochwertig sind wie die von Otto Renard", erzählt Helmut Coenen. Die schönsten Fotos haben Wilms und Coenen jetzt in der neuesten Ausgabe der Schriftenreihe "Pastorat" veröffentlicht, die alle drei Monate als gesponserte Broschüre erscheint und die Bürger über die Sanierung des 1653 erbauten Pastorats in Wevelinghoven informieren soll. "Wir legen da keinen großen Wert auf eine Trennung der Konfessionen", betont Helmut Coenen. Das Pastorat sei in seiner Geschichte sowohl von Katholiken als auch von Protestanten genutzt worden.

Die historischen Ortsansichten wollen sie den Bürgern nicht vorenthalten. "Sie sind schließlich insofern besonders, als dass der Fotograf bei seinem Einsatz im Jahr 1903 die Menschen mit auf die Fotos genommen hat. Dadurch wirken die Bilder so lebendig", erzählt der 63-Jährige. Wer die Aufnahmen genau betrachtet, kann sich mit etwas Fantasie genau die Atmosphäre zur damaligen Zeit vorstellen und die Stimmen der Menschen hören, die übrigens nie direkt in die Kamera lächeln, sondern ganz natürlich von Otto Renard "eingefangen" wurden.

Der Fotokünstler Otto Renard war 1903 in Wevelinghoven unterwegs.

Doch der Fotokünstler, der zahlreiche Auszeichnungen erhielt und sogar ein Atelier in Moskau hatte, fotografierte nicht ohne Grund in Wevelinghoven und Grevenbroich. "Grevenbroich gehörte damals zu Wevelinghoven, wo der Pastor Karl Evertsbusch sein 30-jähriges Priesterjubiläum feierte. Das Album war für ihn bestimmt", erklärt Helmut Coenen. Laut Birgit Wilms sollte es die Lebens- und Schaffenswelt des Pastors dokumentieren, der schon wenige Jahre später verstarb.

Was konkret auf den Fotos zu sehen ist? "Zum Beispiel das evangelische Schulhaus in Grevenbroich, die evangelische Volksschule in Wevelinghoven, der Wevelinghovener Stadtpark und die Kapelle von Oskar Erckens, der sie für seine Fabrikarbeiter bauen ließ. Sie steht bis heute neben der Villa Erckens auf der Stadtparkinsel", sagt Coenen. Die Nachfahren des Fotokünstlers, der 1943 verstarb, haben den Traditionsbetrieb Renard noch bis 2008 geführt und dann an einen Hamburger Fotografen abgegeben.

Quelle: NGZ
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