| 00.00 Uhr

Klaus Krützen auf dem blauen NGZ-Sofa
"Mehr Lust als Last"

Blaues Sofa mit Klaus Krützen: "Mehr Lust als Last"
Klaus Krützen auf dem blauen Sofa. FOTO: Tinter, Anja
Grevenbroich. Die Flüchtlingsherausforderung, der Strukturwandel und die Beteiligung von Bürgern waren Themen, über die Bürgermeister Klaus Krützen auf dem blauen NGZ-Sofa mit Redaktionsleiter Ludger Baten diskutierte.

Herr Krützen, Sie sind jetzt mehr als 100 Tage im Amt. Die Einarbeitungsphase ist vorbei. Empfinden Sie das Amt mehr als Lust oder als Last?

Klaus Krützen Definitiv mehr als Lust. Ich lerne viele Menschen und Institutionen kennen, gucke hinter die Kulissen, da überwiegt die Lust. Im Vergleich zum beschaulichen Leben eines Schulleiters ist sicherlich aber auch mehr Last mit dem Bürgermeisteramt verbunden.

Sie sind jetzt eine Person der Öffentlichkeit. Eine ungewohnte Rolle?

Krützen Als SPD-Ratsherr, Kreisvorsitzender und Bundestagskandidat stand ich schon vorher in der Öffentlichkeit. Bürgermeister ist aber etwas anderes. Gehe ich durch die Stadt, werde ich von vielen Menschen angesprochen, die Erwartungen haben, denen ich gerecht werden will und um deren Probleme ich mich kümmern möchte. Für mich das eine neue Rolle.

Und welche Rolle spielen für Sie die Mitarbeiter im Rathaus?

Krützen Ich bin froh, dass ich auf offene und kreative Leute gestoßen bin, mit denen ich vertrauensvoll zusammenarbeiten kann. Ich bin etwas unglücklich darüber, dass es eine Veröffentlichung gegeben hat, die suggeriert, dass ich mich auf Kosten meiner Mitarbeiter profilieren möchte. Was nicht der Fall ist.

Ihre Nettobotschaft war in etwa die: 60 Prozent der Mitarbeiter bringen ihre Leistung, 20 Prozent powern und 20 Prozent muss man zur Jagd tragen. Dazu stehen Sie aber?

Krützen Diese Aussage gilt. Sie ist aber nicht Grevenbroich-typisch, sondern eine Beschreibung dessen, was allgemein bekannt ist. Für mich gilt es, die Potenziale zu nutzen und die Kollegen, die Unterstützung brauchen, nicht fallen zu lassen. Ich bin optimistisch, dass wir das auch hinbekommen werden.

Zu welcher Gruppe zählt sich der Bürgermeister selbst?

Krützen Ich bemühe mich, zu den oberen 20 Prozent zu gehören. Es gibt aber auch Tage, an denen ich zu den 60 Prozent zähle – und manchmal halt auch zu den letzten 20.

Ist die zeitliche Beanspruchung höher als im ersten beruflichen Leben?

Krützen Auf jeden Fall. Ich habe heute teilweise einen 14-Stunden-Tag, hinzu kommen repräsentative Termine an den Wochenenden.

Wie vereinbaren Sie das mit ihrem Familienleben?

Krützen Ich versuche, mir einen Nachmittag in der Woche ab 16 Uhr frei zu halten und gönne mir ein freies Wochenende im Monat. Ich wurde davor gewarnt, dass meine Wiederwahl in Gefahr sei, falls ich das eine oder andere Schützenfest nicht besuche. Sollte dies das Kriterium sein – dann ist das halt so. Ich habe eine Familie, ein freies Wochenende muss uns gegönnt sein. So haben wir entschieden, und ich fühle mich wohl mit dieser Entscheidung.

Was haben Sie in Ihrer bisherigen Amtszeit geändert?

Krützen Ich habe einen Arbeitskreis im Rathaus initiiert, der sich tagesaktuell mit der Flüchtlingsherausforderung und den Standorten für Unterkünfte beschäftigt. Diesbezüglich habe ich bei meiner Amtsübernahme nichts vorgefunden. Das Problem, das sich schon im Frühjahr 2014 abzeichnete, hat uns mit aller Gewalt eingeholt.

Wie bereitet sich die Stadt auf den Zustrom vor?

Krützen In unserem Worst-Case-Szenario ist eine Flüchtlingszahl von 2000 für das Jahr 2016 angesetzt. Das ist eine große Herausforderung, mit der wir uns in unserem Arbeitskreis beschäftigen – und die nicht vergnügungssteuerpflichtig ist. Vor allem auch nicht, weil wir den Menschen vor Ort sagen müssen, dass vor ihren Haustüren Container oder Zelte aufgebaut werden müssen.

Um für das Worst-Case-Szenario vorbereitet zu sein, müssten acht Standorte zusätzlich geschaffen werden. Wo sind die in Sicht?

Krützen Von den derzeit rund 800 in Grevenbroich lebenden Flüchtlingen sind 350 in Gustorf, Gindorf, Frimmersdorf und Neurath untergebracht. Die Bewohner der südlichen Stadtteile haben Recht, wenn sie sagen, dass wir sie belasten. In Kapellen, Hemmerden, Wevelinghoven und Neukirchen leben keine oder nur wenige Flüchtlinge, diese Stadtteile nehmen wir in den Fokus. Wir haben aber ein Riesenproblem damit, dass wir zum Beispiel in Kapellen keine eigenen Flächen haben, die erschlossen werden können. Und wenn wir mit Bauern und anderen Eigentümern reden, schießen die Grundstückspreise exorbitant in die Höhe. Es ist schwierig.

An der Konrad-Thomas-Straße in Elsen gibt es Proteste wegen einer geplanten Container-Unterkunft. Wie reagieren Sie darauf?

Krützen Standorte, auf die wir uns – mit der Politik, und das ist wichtig – festgelegt haben, werden auch so kommen. Würden wir Abstand davon nehmen, müssten wir wieder Turnhallen oder andere Gebäude belegen. Was Elsen betrifft, muss darüber geredet werden, ob 160 Flüchtlinge dort tatsächlich angemessen sind, oder ob es dort vielleicht auch mit 120 geht.

Sind Kirmesplätze im Gespräch?

Krützen Sie waren es. Noithausen war etwa in der Diskussion. Nach der Belegung von Turnhallen soll das Vereinsleben nicht noch weiter eingeschränkt werden. Dieses Signal haben wir den Bruderschaften, Schützen- und Kirmesvereinen gegeben. Das ist Stand der Dinge. Je nachdem wie sich die Flüchtlingsfrage entwickeln wird, sind solche Überlegungen aber obsolet.

Bevor Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden, müssen die Bürger informiert werden. Kommt da die für den 18. März in Elsen angesetzte Versammlung nicht zu spät?

Krützen Ich habe im Dezember die Standorte für die Flüchtlingsunterkünfte öffentlich bekannt gegeben. Als keine Reaktion kam, bin ich davon ausgegangen, dass der Standort Elsen akzeptiert ist. Da das nicht so ist, müssen wir den Informationsfluss verbessern. Die Fläche an der Konrad-Thomas-Straße soll erst im Juli/August belegt werden. Daher sind wir davon ausgegangen, dass eine Bürgerinformation im März ausreichen würde.

Grevenbroich steht in der Haushaltssicherung. Mit 40 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen steht die Stadt zum Beispiel besser da als Dormagen mit 22 Millionen Euro. Grevenbroich hat kein Einnahme-, sondern ein Ausgabeproblem.

Krützen Vor diesem Hintergrund müssen wir über Standards in der Stadt reden. Müssen wir undbedingt mit der S-Klasse unterwegs sein – oder reicht nicht auch ein Golf II aus? Das Controlling in der Verwaltung hat bisher nicht zielführend gearbeitet. Es geht jetzt darum, sich jedes Dezernat anzuschauen, um herauszufinden, wo durch zu hohe Standards zu viel Geld ausgegeben wird. Da sind wir dran.

Die Stadt Monheim hat die Gewerbesteuer-Hebesätze gesenkt – und letztlich mehr Gewerbesteuer eingenommen. Ihr Dormagener Kollege Erik Lierenfeld ist auf dem gleichen Trip. Und was macht Klaus Krützen?

Krützen Würden wir die Gewerbesteuern senken, hätten wir weniger Einnahmen. Mit niedrigeren Gewerbesteuerhebesätzen würden wir andererseits jedoch neue Firmen anlocken. Doch weil wir keine Flächen haben, um diese Unternehmen anzusiedeln, wird uns ein niedrigerer Hebesatz nichts nutzen.

Welche Visionen hat der Bürgermeister? Was möchte er gerne in der begonnenen Amtszeit realisieren?

Krützen Zwei Dinge sind mir wichtig. Als erstes steht da die Bürgerbeteiligung. Ich möchte die Grevenbroicher mehr einbinden. Am 7. März wird es in Neukirchen die erste Stadtteilkonferenz geben. Die Verwaltung kommt zu den Menschen, ich erhoffe mir davon einen kritischen Dialog. Damit soll auch Gerüchten vorgebeugt werden, die Verwaltung würde etwas verheimlichen. Stichwort: Moscheebau.

Das wäre?

Krützen Aus einer nichtöffentlichen Sitzung sind die Pläne vom Bau einer neuen Moschee mit drei Minaretten durchgesickert. Da wurde in den Sozialen Medien sofort spekuliert, die Verwaltung würde etwas verheimlichen. Dabei ging es lediglich um eine Bauvoranfrage, die nicht durchsetzbar ist.

Wegen der Minarette?

Krützen Nicht nur. Auch wegen der Größe des Objekts oder der Parkplatzfrage. Es passiert häufiger, dass nichtöffentliche Dinge in die Öffentlichkeit gelangen und dann daraus Gerüchte entstehen.

Öffentlichkeit sorgt dafür, dass keine Gerüchte entstehen. Zudem sind Ergebnisse aus nichtöffentlichen Sitzungen öffentlich zu machen.

Krützen Es ging ja nicht um eine Entscheidung, sondern um die Vorstellung eines Projekts. Sollte an diesem Standort etwas passieren, wird das öffentlich gemacht.

Zurück zu den Projekten, die Sie realisieren möchten.

Krützen Als zweites ist für mich wichtig, dass die Stadt 2020 für den Strukturwandel aufgestellt ist, der schon begonnen hat. Ich arbeite zurzeit massiv daran, mich mit umliegenden Kommunen zu vernetzen, um gemeinsame Projekte zu entwickeln – auch über die Bezirksregierungsgrenzen hinweg.

Zum Beispiel?

Krützen Es geht unter anderem darum, die mit Jüchen und Rommerskirchen gemeinsame Gewerbegebiete zu entwickeln. Darüber hinaus brauchen wir RWE. Wird das Kraftwerk Frimmersdorf abgerissen, steht dort eine interessante Fläche zur Verfügung, die für Industrie oder Forschung genutzt werden könnte. Es gilt jetzt aufzupassen, damit der Zug nicht an uns vorbeifährt.

An die Umstrukturierung der Verwaltung sind Sie noch nicht herangegangen.

Krützen Jein. Im Bereich des Bürgermeisterbüros habe ich bereits personelle Veränderungen vorgenommen. Alles andere möchte ich von der Frage abhängig machen, wie die Rekommunalisierung der Wirtschaftsbetriebe verläuft. Möglicherweise werden der neuen Gesellschaftsform einige Bereiche aus der Verwaltung zugeordnet. Da brauchen wir vielleicht nicht mehr die Anzahl von Beigeordneten und Dezernenten wie wir sie bisher hatten.

Wann werden Sie soweit sein?

Krützen Ende diesen, Anfang nächsten Jahres werden wir konkret wissen, wie die neue Gesellschaftsform aussieht, wie sie arbeiten und personell ausgestattet sein wird.

Das ganze erledigt dann eine große Koalition?

Krützen Da schauen wir mal. Ich hoffe, dass wir durch eine ganz große Koalition zu einem vernünftigen Ergebnis kommen werden.

WILJO PIEL FASSTE DAS GESPRÄCH ZUSAMMEN. 

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Blaues Sofa mit Klaus Krützen: "Mehr Lust als Last"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.