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Grevenbroich
Das letzte Foto einer jüdischen Familie

Grevenbroich: Das letzte Foto einer jüdischen Familie
Das letzte Familienfoto. Im Vordergrund: Fritz Stern mit Tante Hedwig Goldstein, dahinter (v.l.) Oma Julie Goldstein, Mutter Martha Stern, Opa Lazarus Goldstein, Vater Julius Stern, Onkel Ludwig Goldstein und Tante Luisa Franken. FOTO: Archiv Herlitz
Grevenbroich. Die Geschichte der jüdischen Familie Goldstein-Stern, die sich 1939 an der Lindenstraße in Grevenbroich zu einem letzten gemeinsamen Foto versammelte. Von Ulrich Herlitz

Nur auf den ersten Blick ein harmonisches Familienfoto. Doch dieses Bild, Anfang 1939 aufgenommen, markiert einen Abschied und eine vorhergehende Zäsur im Leben der an der Lindenstraße in Grevenbroich lebenden jüdischen Familie Goldstein-Stern.

In der Pogromnacht des 9. Novembers 1938 wurden jüdische Häuser demoliert, Juden misshandelt und Synagogen geschändet. Es fand eine reichsweite Verhaftungswelle statt, um die Emigration der Juden zu erzwingen. So wurden auch die auf dem Foto abgebildeten Männer - Großvater Lazarus Goldstein, sein Sohn Ludwig und Schwiegersohn Julius Stern - verhaftet. Der damals 15 Jahre alte Sohn Fritz Stern kann sich heute noch an die Verhaftungen erinnern. Seine Angehörigen kamen in ein Konzentrationslager und kehrten erst nach Wochen wieder zurück.

"Mein Onkel kam nach Dachau, während mein Großvater und Vater irgendwo in Gefängnissen eingesperrt wurden", schildert Stern, der heute in den USA lebt. "Ich erinnere mich an die schreckliche Furcht, die meine Mutter und Großmutter durchlebten." Großvater und Vater wurden nach zwei Wochen freigelassen, der Onkel verbrachte jedoch fünf Wochen in Dachau.

"An einem Nachmittag im frühen Dezember stand er vor der Tür - nur noch Haut und Knochen", berichtet Stern. "Er schien nicht mehr der gleiche Mensch zu sein, den ich gekannt hatte. Wir fragten ihn wiederholt nach der Behandlung in Dachau, aber das Einzige, was er preisgab, war, dass sie lange Wanderungen bei kaltem Wetter gemacht hatten." Tatsächlich wurden die Insassen schikaniert, körperlich und psychisch malträtiert.

Die Pogromnacht veränderte das Leben aller deutschen Juden, die Familie Stern war nun endgültig entschlossen, in die USA zu emigrieren. Das letzte gemeinsame Foto der Familie Goldstein-Stern gab es zum Jahreswechsel 1938/39. Alle Blicke sehr ernst, schaut nur der im Vordergrund sitzende jugendliche Fritz Stern ein wenig hoffnungsvoll auf die bevorstehende Auswanderung in die Staaten.

Ludwig Goldstein konnte zwar nach Palästina emigrieren, wo bereits Fritz' Bruder Walter Stern im Kibbuz Kiryat Anavim lebte. Die Großeltern Lazarus und Julie Goldstein sowie Großtante Hedwig Goldstein blieben in Grevenbroich. "Einen alten Baum verpflanzt man nicht", pflegte Großvater Lazarus zu sagen. So vertrauten die Goldsteins darauf, dass trotz Demütigung, Erniedrigung und Entrechtung wenigstens ihr Leben verschont blieb. Doch diese Hoffnung trog. Die Goldsteins wurden als letzte Grevenbroicher Juden im Sommer 1942 nach Theresienstadt deportiert und wenige Monate später in Treblinka ermordet. Auch die ebenfalls auf dem Familienfoto abgebildete Großtante Luise Franken aus Hannover wurde nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.

Das Familienfoto bewahrt der heute 94 Jahre alte Fritz Stern noch heute in seinem Album, dass er Anfang 1939 zur Erinnerung an seine frühere Heimat anlegte. Zuversichtlich stimmt ihn, dass Deutschland sich seiner Geschichte stellt und Erinnerungsarbeit - auch an seine Familie- geleistet wird, vor allem von der jungen Generation. So wie die Theatergruppe "no.name", die 2016 das Leben der Sterns im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom szenisch darstellte.

Für seine Großeltern, die Großtante Hewdig und seinen Onkel Ludwig wurden 2009 "Stolpersteine" an der Lindenstraße 27 verlegt. Fred Stern war dafür in das Land, das ihm und seiner Familie einstmals das Existenzrecht absprach, extra angereist.

Quelle: NGZ
 
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