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Grevenbroich
Der letzte Kohlenhändler der Stadt

Grevenbroich: Der letzte Kohlenhändler der Stadt
Mit solch einem Unimog hat Willi Heinrichs als Jungunternehmer Kohle ausgeliefert. Heute fährt der 74-Jährige mit einem Lkw das Heizmaterial zu seinen Kunden. Geschultert werden die schweren Säcke jedoch noch wie früher. FOTO: jn
Grevenbroich. Mit 74 Jahren schleppt Willi Heinrichs noch schwere Kohlensäcke zu seinen Kunden. Rund 70 versorgt der letzte Kohlenhändler in Grevenbroich noch mit dem "schwarzen Gold". Mittlerweile muss er dafür lange Wege zurücklegen. Von Julia Nakötter

Ein beherzter Griff, eine schwungvolle Drehung und der fünfzig Kilo schwere Sack voller Briketts liegt auf dem Rücken. "Ich mache viel Sport, und wenn man weiß, wie man die Säcke anfassen und tragen muss, dann bekommt man auch keine Rückenprobleme. Das ist alles Gewohnheit", sagt Willi Heinrichs und schultert den nächsten Sack. Der 74-Jährige ist der letzte Kohlenhändler in Grevenbroich und beliefert noch rund 70 Kunden mit dem "schwarzen Gold".

"In der Regel sind es ältere Leute, die noch einen Kohleofen haben", sagt der Laacher, der in dritter Generation die Kohlenhandlung an der Bergheimer Straße führt. "Aktuell werden auch Bündelbriketts nachgefragt, da sich einige Familien wieder Kamin- und Kachelöfen zugelegt haben." Doch die Mengen an Briketts oder Eierkohle, die Willi Heinrichs ausliefert, fallen von Jahr zu Jahr geringer aus. "Das wird stetig weniger. Früher haben wir vor ein Haus 60 bis 80 Zentner abgekippt, heute sind es gut 20. Die Briketts werden wegen ihrer langanhaltenden Wärme nun vor allem nachts eingesetzt."

Viele seiner Kollegen aus dem Stadtgebiet haben altersbedingt bereits im Laufe der Jahre aufgegeben. So konnte der Kohlenhändler neue Kunden gewinnen. Heinrichs: "Ansonsten wäre es auch schwer geworden, zu überleben." Bei Kohle ändert sich der Preis nur einmal im Jahr. Derzeit kostet ein Zentner Briketts 15 Euro. "In den 1960er Jahren hat der Kunde für einen Fünfzig-Kilo-Sack 4,50 Mark bezahlt", erinnert sich der Unternehmer.

Zu dieser Zeit waren die Lieferwege auch deutlich kürzer. "Da hatte ich den Wagen schon nach einem Straßenzug in Grevenbroich leer. Jetzt lege ich im Jahr 20.000 Kilometer mit dem Lkw zurück." Bis nach Rommerskirchen, Stommeln, Bergheim und Erkelenz fährt Willi Heinrichs mit dem "schwarzen Gold". "Zu Zeiten meines Opas und Vaters haben wir auf Wunsch der Kunden sogar zusätzlich Kartoffeln ausgeliefert." Damals wie heute zählt der persönliche Kontakt. "Früher ging es von Tür zu Tür. Überall wurde gefragt, ob man noch Kohle nötig hatte. Heute fragen vor allem die älteren Leute, wie lange ich sie noch mit Briketts versorgen werde", berichtet der 74-Jährige. Aufhören kommt für Willi Heinrichs derzeit nicht infrage. "Ich fühle mich fit, und so lange ich kann, werde ich noch ein paar Jahre dranhängen."

Dass er der Letzte seiner Zunft in der Schlossstadt ist, erfüllt den Kohlenhändler ein wenig mit Wehmut. "Auch wenn es zum Teil harte Arbeit war - wir mussten noch zum Bahnhof fahren und Waggons mit bis zu 30 Tonnen Kohle von Hand abladen -, bereue ich es nicht."

Und auch im Ruhestand möchte der Unternehmer an der Kohle festhalten: "Ich schätze die angenehme Wärme und werde, so lange ich den Handel führe, weiter damit heizen - obwohl in meinem Keller eine Gasleitung liegt."

Quelle: NGZ
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