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Grevenbroich
Einsam und allein auf dem Feld - wie die Hirten in der Nacht

Grevenbroich: Einsam und allein auf dem Feld - wie die Hirten in der Nacht
"Kleine Taschenlampe brenn'!" - so ganz geheuer ist es nachts auf der Königshovener Höhe nicht, wenn aus dem Dunkel Geräusche zu hören sind. FOTO: L. Berns
Grevenbroich. Auf der Suche nach Einsamkeit machte sich unser Redakteur Wiljo Piel zu nächtlicher Stunde auf zur Königshovener Höhe - und fand dort in der Stille unerwartet ein Weihnachts-Gefühl. Von Wiljo Piel

Einsamkeit soll ich erleben. Wie die legendären Hirten auf dem Felde. Hier draußen im Dunkeln, auf einem Acker, am Ende des Grevenbroicher Stadtgebietes, irgendwo im Nirgendwo. Mindestens fünf Stunden Aufenthalt, so heißt der Auftrag in dieser Nacht.

Wahrhaftig, es gibt lebendigere Orte als die Königshovener Höhe. Die Kippe im Braunkohlerevier ist sicherlich eine der besten Adressen, um im Rhein-Kreis eine einsame Nacht zu verbringen. Die nächsten Dörfer liegen kilometerweit entfernt, vermutlich ist genau an diesem Ort das Sprichwort vom Hasen und dem Fuchs entstanden, die sich "Gute Nacht" sagen.

Die "Nacht auf dem Felde" möchte ich auf einem 28 Hektar großen Acker verbringen, dessen Boden völlig durchweicht ist und unter meinem Gewicht schmatzende Geräusche von sich gibt. Landwirt André Becker baut hier Möhren, Weizen, Gerste oder Raps an. Jetzt liegen dort gemulchte Senfpflanzen herum. Kopfschüttelnd hat mich der Bauer vor 20 Minuten auf der Halde ausgesetzt. "Ihr habt Einfälle", hat er gesagt. Ein schiefes Grinsen, dann ist er mit seinem Land Rover wieder nach Hause gefahren. Seitdem stapfe ich alleine durch die Dunkelheit, leuchte mit der Taschenlampe auf meine Gummistiefel, die immer wieder im Morast steckenbleiben. Ich schaue mich um. Irgendwo am Horizont dampft das Neurather BoA-Kraftwerk auf Hochtouren. Rund um mich herum blinken rote Warnlampen um die Wette, die zu den 200 Meter hohen Windrädern gehören, die Bedburg den Grevenbroichern direkt vor die Nase gesetzt hat. Sonst ist nichts zu sehen. Und mir allmählich klar: Ich bin der Einzige, der auf der 600 Hektar großen Halde eine Nachtwanderung unternimmt.

Jetzt wäre die beste Zeit, um die Kopfhörer aufzusetzen, um mal die alten Sachen aus den 70ern von der Playlist abzurufen. Doch ich lasse das sein, um das "Alone in the dark"-Feeling nicht zu verwässern. Dass ich hier oben echte Einsamkeit erleben werde, glaube ich ohnehin nicht. Ich bin allein, aber nicht einsam - schließlich geht es nach dem Job wieder nach Hause, wo die Familie auf einen wartet. Wer so etwas hat, kann nicht einsam sein.

Gut zwei Stunden unterwegs, ich habe das matschige Feld längst verlassen und nähere mich auf einem Wirtschaftsweg der Petrus-Kapelle, die mitten in der Einöde steht. Gleich neben dem Kirchlein haben Schützen ein Gedenkkreuz errichtet, vor dem ein "ewiges Licht" flackert. Das ist jetzt weder die Zeit noch der Ort, an dem man sich die Top 10 der schon gesehenen Horrorfilme ins Gedächtnis rufen sollte, denke ich und mache mich eiligen Schrittes vom Acker. Nehme mir aber vor, die Kapelle demnächst noch mal im Hellen zu betrachten.

Der anfangs noch heftig wehende Wind ist inzwischen abgeflaut. Rund um mich herum ist es still. Ich bleibe stehen, horche in die Nacht hinaus. Hin und wieder ist ein Rascheln aus den Baum- und Strauchreihen zu hören, die auf der Halde zum Schutz gegen den Wind gepflanzt wurden. Plötzlich knackt es irgendwo verdächtig laut, kurz darauf wieder. Etwas beunruhigt ziehe ich die Taschenlampe heraus und leuchte die Gegend ab.

Bauer Becker hat mir vor Stunden erzählt, dass Rehe gerne die Nacht in den Senffeldern verbringen. Vielleicht waren es die. Er hat mir aber auch von Wildschweinen berichtet, die sich auf der Königshovener Höhe herumtreiben. So ein mies gelaunter Keiler wäre jetzt das Schlechteste, das mir hier oben passieren könnte, überlege ich und sehe mich im Geiste in Gummistiefeln vor einem kapitalen Wildschwein-Macho flüchten. "Es waren Rehe", murmele ich selbstbeschwörend: "Klar, Rehe!" Vorsichtshalber schlage ich aber schon mal den Weg in die entgegengesetzte Richtung der Geräuschquelle ein.

Mitternacht ist längst vorbei. Der Himmel ist bedeckt, keine Sterne sind zu sehen - es ist nicht mal kalt. Ich stehe am Rande des Feldes, auf dem die Tour begonnen hat. Vor mir liegt der Wirtschaftsweg, auf dem hoffentlich bald die Scheinwerfer eines Land Rover zu sehen sein werden. Zum Gehen habe ich jetzt keine Lust mehr, auch weil unter jedem meiner Stiefel gefühlte fünf Kilogramm fruchtbarster rheinischer Lössboden kleben. Ein bisschen einsam fühle mich nun schon. Ich ziehe mein Smartphone aus der Tasche, um mal zu gucken, was das Internet um diese Zeit so zu bieten hat. Kein Empfang, natürlich.

Also stiere ich weiter in die dunkle Nacht hinaus, warte auf die Ankunft. Ein bisschen so wie die Hirten in Bethlehem, denke ich - und grinse zufrieden. Denn irgendwie hat sich der Kreis dann noch geschlossen.

Quelle: NGZ
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