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Grevenbroich
Europa-Expertin talkt auf dem NGZ-Sofa

Ulrike Guérot im Talk mit der NGZ
Ulrike Guérot im Talk mit der NGZ FOTO: Anja Tinter (1), V. von Dolega (3)
Grevenbroich. Ulrike Guérot stellte sich im munteren Gespräch den Fragen von NGZ-Redaktionsleiter Ludger Baten. Bislang fand der Sofa-Talk immer abends statt, in Kooperation mit dem "Europe Direct" Info-Zentrum fand es jetzt morgens statt. Von Valeska von Dolega

Halb neun in der Schlossstadt. Zeit für ein Gespräch mit der gebürtigen Elsenerin, Politikwissenschaftlerin und ausgewiesenen Europa-Expertin Ulrike Guérot. Auf dem blauen NGZ-Sofa talkte sie zu ungewöhnlich früher Uhrzeit mit Redaktionsleiter Ludger Baten - und das Publikum war begeistert.

"Eine tolle Frau", schwärmte Klaus Bamm. "Was sie sagt, hat Hand und Fuß. Und animiert zum Nachdenken", bilanzierte der Pensionär das muntere Gespräch. Europa, der durch den bevorstehenden Brexit neu geschundene Kontinent, seine Institutionen und politischen Verhältnisse sind Lebensthemen von Ulrike Guérot, "Deutschland ist ohne seine Nachbarn nichts. Wir müssen Europa immer mitdenken", ihr Motto.

Die Eingangsfrage, wie es jetzt in Aachen anlässlich der Verleihung des Karlspreises an den britischen Historiker und erklärten Brexit-Gegner Timothy Garton Ash, gewesen sei, beantwortete sie mit: "Jetzt einen Briten auszuzeichnen, war das Gebot der Stunde." Konkret und ohne Abschweifungen erzählte sie, was sie als Direktorin der Berliner Denkwerkstatt "European Democrcy Lab" und engagierte Europa-Befürworterin bewegt. "Von Donald Trump bin ich kein Fan. Gott sei Dank haben die Amerikaner keinen Hebel auf die europäische Union." Aber ob es wirklich einen solchen Beelzebub bräuchte, um in Sachen Europa "in die Gänge zu kommen?" Das "ewige Rumgefasel" müsse ein Ende haben, auf gut rheinisch solle "Butter bei die Fische" getan werden oder wie der Brite sagt: "Cancel the but (ohne wenn und aber)".

"Wir sind Europa", entsprechend müsse gedacht werden. Ob bei der Terrorbekämpfung, im Sicherheitsrat oder als "klassisches Tandem" mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron: "Wenn wir Europa wollen, müssen wir ein parlamentarisches System finden, bei dem Entscheidungen nicht aus Berlin kommen."

"Kein nationales Interesse darf über Europa stehen. Denn ohne Europa ist alles nichts", das müsse man immer mitdenken. Ja, der Euro "ist eine Erfolgsstory, ein Baustein auf dem Weg" und wie eine "Hochzeit, ein Gesellschaftsvertrag." Aber noch lange nicht alles. Die Idee des österreichischen Schriftstellers und Freundes Robert Menasse findet sie "cool, allen Kindern, die jetzt hier geboren werden, einen Pass als europäische Staatsbürger" auszustellen. Denn: "Was wir nicht denken, wird nie Wirklichkeit." Dafür lohne der unermüdliche Einsatz. "Politik ist Streit und immer eine Diskussion um die besten Konzepte. Ich streite für Europa." Schließlich müsse "einer durch die Tür, diese Rolle habe ich übernommen".

Laut ihrer Einschätzung funktioniert die Idee Europa hier in Deutschland "gut. Auch weil wir gut durch die Krise gekommen sind." In Portugal, Spanien und Slowenien sehe es aber anders aus. Ein Wehmutstropfen, der angeganen werden müsse.

"Politik ist und war der Streit um die Utopie", benannte die Mutter von zwei Söhnen Ziele. "Gesellschaften brauchen Ziele. Haben wir die nicht, sind wir ohne Kompass." Weitere Themen im engagierten Dialog, der an vielen Stellen vom Publikumsbeifall unterbrochen wurde, waren Begrifflichkeiten wie Heimat und einige Buchempfehlungen. "Das waren spannende 75 Minuten", resümierte Redaktionsleiter Baten den Talk. "Sie haben viele neue Fans gefunden. Ich bin einer davon." Die Verabschiedung implizierte eine neue Verabredung: "Lassen Sie uns im kommenden Jahr neu bilanzieren." "Das könnte ich Ihnen glatt versprechen", sagte Ulrike Guérot einem neuen Talk auf dem Blauen NGZ-Sofa 2018 zu.

Quelle: NGZ
 
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