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Bedenkliche Zahlen für Grevenbroich
Der Zustand der Erft ist schlecht

Grevenbroich: Der Zustand der Erft ist schlecht
Drei bis vier Mal im Jahr färbt sich die Erft rot-braun. Grund dafür sind gelöste Eisen-Sedimente von angrenzenden Ackerflächen. Diese können das Ökosystem beeinträchtigen. FOTO: Michael Reuter
Grevenbroich. Laut Bundesregierung befinden sich 93 Prozent der deutschen Fließgewässer in einem ökologisch schlechten Zustand. Dazu zählt auch die Erft. Eine Verbesserung wird erst ab 2030 schrittweise bis 2045 eintreten, sagt der Erftverband. Von Tim Kronner

Die aktuellen Zahlen des Bundesumweltministeriums klingen bedenklich. In 93 Prozent der Fließgewässer leben nicht mehr die Gemeinschaften aus Fischen, Pflanzen und Kleintieren, die dort eigentlich zu finden sein müssten. Zudem sind 79 Prozent der Flüsse und Bäche durch Ausbau "in ihrer Struktur deutlich bis vollständig verändert", wie es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen heißt. Daraus folgt: Nur 6,6 Prozent der bewerteten Fließgewässer-Abschnitte sind nach EU-Kriterien ökologisch in gutem Zustand, gerade mal 0,1 Prozent in sehr gutem Zustand.

Zu diesen zählt die Erft nicht. "Sie kann die Anforderungen nicht erfüllen und befindet sich ökologisch in einem schlechten Zustand", sagt Christian Gattke, der beim Erftverband für die Flussbewirtschaftung zuständig ist. Gemeint ist damit nicht die ganze Erft. Denn von der Quelle oberhalb von Bad Münstereifel bis nach Bergheim ist der Fluss laut EU-Kriterien immerhin ein mäßig guter Lebensraum für Flora und Fauna - an vielen Stellen ist das Gewässer sogar in einem guten ökologischem Zustand.

Das zeigen die Farben Gelb und Grün auf einer interaktiven Online-Karte des Umweltministeriums-NRW. Danach ändert sich die Farbgebung aber schlagartig. Die Erft ist bei Bedburg, Grevenbroich und Neuss immer orange ("unbefriedigend") und häufig in Rot, der Farbe der niedrigsten Kategorie ("schlecht"), markiert.

Die Ursache für diesen plötzlichen Umschwung des ökologischen Zustands liegt im Tagebau. Um diesen trocken zu halten, wird dort in großem Stil Grundwasser abgepumpt. Dieses sogenannte "Sümpfungswasser" ist aufgeheizt und wird der Erft zugeführt. "Das Wasser ist nicht anderweitig belastet, es ist aber einfach zu warm", sagt Gattke.

Durch diese "Tropen vor der Haustüre" fühlen sich im Fluss auch gebietsfremde Fische und Pflanzen wohl, die sonst wärmere Gewässer bevorzugen. Neben verschiedenen eingeschleppten Aquarien-Pflanzen sind in der Erft sogar schon vereinzelt Piranhas gefangen worden. Außerdem tummeln sich stellenweise die bunten Guppys, die sonst nur in tropischen Gewässern vorkommen.

Die heimischen Tiere und Gewächse haben es dagegen schwerer. "Das mangelnde Vorkommen der ursprünglichen Erft-Bewohner liegt aber nicht daran, dass sie durch Neulinge verdrängt werden", erklärt Christian Gattke. Bei höheren Temperaturen falle ihnen aber einfach das Laichen schwer.

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Neben dem erwärmten Wasser macht der heimischen Flora und Fauna auch zu schaffen, dass die Erft nicht mehr ihre naturgegebene Struktur hat. Der Lauf wurde seit dem Mittelalter oft verändert, etwa für die Mühlennutzung. Besonders Begradigungen bedrohen den Fluss als Lebensraum.

"Das ist ein sehr limitierender Faktor, weil das Wasser dadurch deutlich schneller fließt", sagt Gattke. Dieser Umstand ist dem "Dreistacheligen Stichling", der jüngst zum "Fisch des Jahres 2018" gekürt wurde, zum Verhängnis geworden. Die Fischart ist nicht kräftig genug, um sich dauerhaft gegen die Strömung zu wehren. Weil strömungsberuhigte Flachwasserbereiche fehlen, kommt der Fisch in der Erft kaum noch vor.

Doch für den im Volksmund "Pickfött" genannten Fluss-Bewohner besteht Hoffnung - zumindest langfristig. "Ab 2030 soll weniger warmes Wasser in die Erft geleitet werden", sagt Gattke. Er rechnet damit, dass die Artenvielfalt dann kontinuierlich größer wird. Dazu trägt der Erftverband mit baulichen Renaturierungsmaßnahmen bei, die sich am ursprünglichen Flussverlauf orientieren.

"Es gibt einige Stellschrauben, an denen wir arbeiten. Aber bis wir die hoch gesteckten EU-Kriterien erfüllen können, wird es noch Jahrzehnte dauern. Wir planen derzeit bis zum Jahr 2045 ", berichtet Christian Gattke.

Quelle: NGZ
 
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